Am 11. Mai erschien auf der Website des Kabinetts eine Petition mit der Forderung, die „Politik der massiven Anwerbung von Ausländern" aufzugeben. Innerhalb von acht Tagen erhielt sie 25.000 Unterschriften – genug für eine offizielle Prüfung. Die Regierung antwortete: Es gibt keine solche Politik.
„Die Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt der Ukraine wird ausschließlich als eines der zusätzlichen Instrumente zur Behebung des Fachkräftemangels betrachtet".
Antwort des Kabinetts auf die elektronische Petition
Das Problem besteht darin, dass die Petition nicht aus einem realen Regierungskurs, sondern aus Informationslärm entstanden ist. Das Zentrum für strategische Kommunikation und Informationssicherheit verzeichnete einen Anstieg des Themas „Migranten ersetzen Ukrainer" in sozialen Netzwerken vom 1. bis 10. Mai – genau zu dem Zeitpunkt, als die Petition eingereicht wurde. Experten des Zentrums qualifizierten dies als Teil einer russischen Desinformationskampagne.
Was wirklich auf dem Arbeitsmarkt geschieht
Der Fachkräftemangel ist real, aber die Zahlen haben nichts mit „massiver Zuwanderung" von Ausländern zu tun. Nach Angaben des Staatlichen Beschäftigungsdienstes wurden 2025 7.483 Arbeitserlaubnisse für Migranten ausgestellt – halb so viele wie vor der vollumfänglichen Invasion, als Arbeitgeber etwa 21.000 Genehmigungen pro Jahr erhielten. Tatsächlich sind 6.272 Ausländer in der Ukraine geblieben – weniger als 1% des Marktbedarfs.
Nach Angaben der Europäischen Geschäftsvereinigung verzeichneten 74% der ukrainischen Unternehmen 2025 einen Arbeitskräftemangel. Der Wirtschaftsminister schätzt die Gesamtlücke auf 4,5 Millionen Arbeitnehmer, die das Land in den nächsten 10 Jahren benötigt, um das BIP um 7% pro Jahr zu steigern.
Im ersten Quartal 2026 konnten Arbeitgeber nur 41% der offenen Stellen besetzen. Am stärksten fehlen Bauarbeiter, Landwirte, Logistiker, Ärzte und Lehrer.
Es gibt Ressourcen – aber sie sind im Ausland oder am falschen Ort
Die Regierung nennt zwei Prioritäten: diejenigen anwerben, die bereits im Land sind, und diejenigen zurückbringen, die ausgewandert sind. 5,6 Millionen Ukrainer befinden sich im Ausland, von denen 43% laut einer Studie des Zentrums für Wirtschaftsstrategie zurückkehren möchten. Unternehmen handeln bereits eigenständig: Metinvest hat das Programm Steel Force für Studenten in Großbritannien und Polen gestartet, die KSE und kleine Unternehmen testen Zuschüsse, Wohnungsunterstützung und „sanfte Landung".
Aber es gibt eine systemische Falle: Mehr als 50% der Binnenvertriebenen sind bereit, für Arbeit umzuziehen, werden aber durch fehlenden bezahlbaren Wohnraum und mangelnde Übereinstimmung ihrer Qualifikationen mit dem Marktbedarf gehemmt. Stellen und Kandidaten stimmen weder beruflich noch regional noch in den Bedingungen überein.
Die Anwerbung eines ausländischen Arbeiters kostet das Unternehmen mindestens 40.000 Griwna pro Monat – Bürokratie, Genehmigungen, Ausweise. Ein lokaler Fachmann ist bereit, für 15.000 zu arbeiten. Das heißt, der Arbeitgeber zahlt dreimal mehr, nicht weil er einen Migranten will, sondern weil es einfach keinen Ukrainer gibt.
Was die Regierung anbietet – und was sie nicht sagt
Das Kabinett antwortete auf die Petition korrekt: Es gibt tatsächlich keine massive Migrationspolitik. Aber die Frage, die die Petition außer Acht ließ – wie genau die Regierung plant, 5,6 Millionen Menschen ohne klaren Mechanismus für Wohnraum, Umschulung und Sicherheitsgarantien zurückzubringen – wurde in der Antwort nicht beantwortet.
Der Wirtschaftsminister versicherte auf dem „Arbeits-Kabinett", dass „Jugendprogramme eine viel leichtere und schnellere Ressource sind als zusätzliche Migration". Aber die Programme werden bislang punktuell getestet: einzelne Unternehmen, einzelne Universitäten, einzelne Städte.
Wenn die Regierung bis Ende 2026 keinen systemischen Rückkehrmechanismus mit Wohnraum, Sicherheitsgarantien und Anerkennung ausländischer Qualifikationen anbietet, wird die Diskussion über Migranten zurückkehren. Diesmal nicht als Desinformationskampagne, sondern als reales Verwaltungsdilemma.