Das Dekret von Präsident Wolodymyr Selenskyj zur Umsetzung einer NSDC-Entscheidung wirkt technisch. Aber die Liste von zehn Unternehmen dahinter zeigt eine konkrete Architektur der Informationskontrolle, die Russland auf besetzten Territorien über Jahre aufgebaut hat.
Wer steht auf der Liste und warum
Das Präsidentenbüro gab vier Schlüsselnamen bekannt. „Lugansk Communications" und „Mobile Communication Systems" sind regionale Betreiber, die nach ukrainischen Angaben von Russland zur Verbreitung seiner Narrative und Desinformation über die Situation in der Ukraine genutzt werden. „Amtel-Svyaz" ist ein föderaler Betreiber von Satelliten- und Telekommunikationskommunikation, der direkt die Kommunikation der russischen Besatzungsbehörden gewährleistet. „Kosmicheskiy Svyaz" ist ein Unternehmen, das sichere Kanäle für Kampfhandlungen gegen die Ukraine bereitstellt.
Die restlichen sechs Unternehmen auf der Liste wurden offiziell nicht namentlich genannt, aber das Präsidentenbüro beschreibt ihre Funktionen einheitlich: Internetzugang für „Akteure, die Russland dienen", Übertragung russischer Fernsehkanäle auf besetzten Territorien.
Warum es nicht nur um Telekommunikation geht
„Leben unter russischer Besatzung ist nicht nur militärische Realität, es ist eine Informationsbelagerung. Fünf bis sechs Millionen Ukrainer auf zeitweise besetzten Territorien sind von ukrainischen Medien abgeschnitten, überfllutet mit Kremlin-Propaganda, gezwungen, unter Stromausfällen und Messenger-Sperren zu leben."
EUvsDisinfo, Analyse der russischen Informationsstrategie auf besetzten Territorien
Dies ist kein Nebeneffekt der Besatzung – es ist eine dokumentierte Strategie. Nach 2022 ersetzt Russland systematisch die ukrainische Telekommunikationsinfrastruktur durch seine eigene. In der Krim und Teilen der Regionen Cherson und Saporischschja wurden seit August–September 2025 massive Ausfälle bei Telegram, WhatsApp und Instagram registriert – selbst über VPN. Parallel wird der staatliche Messenger MAX vorangetrieben, der nach EUvsDisinfo-Daten in einem halben Jahr 75 Millionen Nutzer gewann und umfangreiche Daten zur Überwachung sammelt.
Mit anderen Worten: Die unter Sanktionen stehenden Unternehmen sind nicht einfach ein Geschäft auf besetztem Gebiet. Sie sind Teile eines einzigen Mechanismus: vom ukrainischen Signal abschneiden, zum russischen anschließen, externe Informationsverifizierung unmöglich machen.
Was Sanktionen in der Praxis bringen
Formal blockiert das Sanktionsdekret Vermögenswerte, verbietet Transaktionen und beschränkt die Aktivitäten von Unternehmen innerhalb der ukrainischen Rechtshoheit. Aber die Unternehmen selbst operieren physisch auf besetztem Gebiet – außerhalb der Reichweite des ukrainischen Rechts.
Das echte Gewicht der Entscheidung liegt darin, was danach passiert. Das Präsidentenbüro erklärte, dass es Informationen über alle unter Sanktionen stehenden Unternehmen an internationale Partner weitergeben und die Synchronisierung von Sanktionen in anderen Jurisdiktionen einleiten wird. Dies ist ein Standard-, aber prinzipiell wichtiges Detail: Wenn die EU oder die USA Beschränkungen duplizieren, verlieren die Unternehmen Zugang zu internationalen Finanzinstrumenten, Ausrüstung und Software, die bisher über Drittländer ankommen konnte.
- Die Ukraine hat sich bereits an die Internationale Telekommunikationsunion (ITU) gewandt mit der Forderung, Russland für die illegale Nutzung ukrainischer Telekommunikationsressourcen und Telefonkennzahlen auf besetzten Territorien zur Rechenschaft zu ziehen.
- Parallel zu Telekommunikationssanktionen unterzeichnete Selenskyj Sanktionen gegen Unternehmen, die am russischen Rüstungskomplex beteiligt sind – das heißt, das aktuelle Paket folgt einer systemischen, nicht ad-hoc-Logik.
Grenzen der Wirksamkeit
Die offene Frage bleibt: Kann die Ukraine die EU und die USA davon überzeugen, diese Telekommunikationsunternehmen in ihre eigenen Sanktionsregister aufzunehmen – und wenn ja, wie schnell? Ohne diesen Schritt dokumentiert die NSDC-Entscheidung eine Position, verändert aber nicht die Infrastruktur der Besatzungskommunikation. Wenn die Synchronisierung erfolgt – könnten „Amtel-Svyaz" und „Kosmicheskiy Svyaz" den Zugang zu westlichen Technologien verlieren, ohne die der Betrieb von Satellitennetzen erheblich kompliziert wird.