Als der neue Premierminister Ungarns Péter Magyari den Saal nach der Machtübergabzeremonie verließ, hatten seine Vorgänger bereits bekannt gegeben, wohin ihre Abfindungen fließen würden. Die Wahl der Adresse ist kein Zufall.
Was die Minister beschlossen haben
Der Fraktionschef der „Fidesz" Gergely Gulyás teilte auf einer Pressekonferenz während der Machtübergabe mit, dass Mitglieder der Orbán-Regierung – darunter er selbst, Tibor Navracsics, Csaba Lantos und János Bóka – auf ihre gesetzlichen Abfindungen verzichten und diese einem Kinderheim in Nagydobrony (Großdobryn) in der Südukraine überweisen würden. Nach Gulyás' Aussage war es eine kollektive Entscheidung: „Die Regierungsmitglieder werden keine Abfindung erhalten".
Die ungarische Gesetzgebung sieht Zahlungen an Minister und deren Stellvertreter proportional zur Amtsdauer vor. Laut TVP World hätte der frühere Premierminister Orbán über 100.000 Euro erhalten können – eine öffentliche Bestätigung seiner persönlichen Teilnahme an der Initiative oder eine Ablehnung wurden jedoch nicht bekannt gegeben.
Warum ausgerechnet Nagydobrony
Nagydobrony ist ein Dorf in der Region Transkarpatien mit überwiegend ungarischsprachiger Bevölkerung. Das örtliche Kinderheim erhält seit langem finanzielle Unterstützung aus Ungarn – dies ist Teil eines breiteren Systems der Unterstützung der ungarischen Diaspora, das Budapest über Jahre aufgebaut hat. Die Wahl genau dieser Einrichtung fügt sich in eine Logik ein: Die Geste wirkt humanitär, ist aber an die eigene Gemeinde im Ausland adressiert.
Dies ist auch das erste symbolische Signal der Regierung Magyari gegenüber der Ukraine – nicht durch Statements zu NATO oder Sanktionen, sondern durch eine konkrete Geldüberweisung auf ukrainisches Territorium. Wie Hungary Today berichtet, wurde die Entscheidung im Rahmen des Machtübergabeprozesses angekündigt – also ein gemeinsamer Gestus beider Lager gleichzeitig.
„Die Regierungsmitglieder haben beschlossen, die Abfindung, auf die sie gesetzlich Anspruch haben, einem Kinderheim in Nagydobrony in der Südukraine zu spenden".
Gergely Gulyás, Fraktionschef der „Fidesz", auf der Pressekonferenz zur Machtübergabe
Kontext des Machtwechsels
Am 9. Mai 2025 wählte das neu gewählte ungarische Parlament Péter Magyari zum Premierminister – 140 Stimmen dafür, 54 dagegen. Eine der ersten Maßnahmen der neuen Parlamentspräsidentin Ágnes Fórisz Hoffmann war die Rückkehr der EU-Flagge auf das Parlamentsgebäude. Diese Geste – ebenso wie die Entscheidung zur Abfindung – sagt mehr über Symbolik aus als über die Summe.
- Magyari erklärte öffentlich, dass eine Ausweitung der Rechte der ungarischen Minderheit in der Ukraine notwendig sei – das heißt, Transkarpatien bleibt für ihn ein heikles Thema.
- Die neue ungarische Regierung erklärt eine Politik zur Wiederherstellung der Beziehungen zur EU und zur Freigabe eingefrorener Finanzhilfen.
- Gleichzeitig unterstützen nur 12% der Anhänger der Partei „Tisza" die AFU – laut Umfragedaten.
Gulyás dankte auf der Pressekonferenz ausdrücklich den Staatsbeamten für die „reibungslose Machtübergabe" und betonte, dass man auch eine „Niederlage würdig akzeptieren" müsse. Das klingt nicht nach Reue – eher nach einer Probe für die Rückkehr.
Sollte Magyari wirklich auf eine Entspannung mit Kyjiw rechnen, dann wird der wahre Indikator nicht das Kinderheim in Nagydobrony sein, sondern ob Budapest das nächste EU-Sanktionspaket gegen Russland unterstützen wird – und in welchem Zeitraum.