Am 5. März stoppten ungarische Sicherheitskräfte mehrere Kilometer von Budapest entfernt zwei Minivans der Oschadbank. Darin befanden sich 40 Millionen Dollar, 35 Millionen Euro und 9 kg Gold in Transit von der österreichischen Raiffeisenbank. Sieben ukrainische Geldtransporteure wurden festgenommen. Ihr Aufenthaltsort war mehrere Stunden lang selbst der Nationalen Bank der Ukraine unbekannt.
Verurteilung vor Anklageerhebung
Laut einer Untersuchung des ungarischen Mediums Telex, die auf mehrere unabhängige Quellen gestützt war, traf der damalige Premierminister Viktor Orbán persönlich die Entscheidung, den Überfall durchzuführen. Formaler Grund war eine Beschwerde des Ungarischen Verfassungsschutzes unter Berufung auf Geheimdienstinformationen – Verdacht auf Geldwäsche. Allerdings erklärte die österreichische Nationalbank öffentlich, dass sie die Vorwürfe nicht nachvollziehen könne: Der internationale Bargeldtransport sei eine Standardbankenpraxis. Auch die österreichischen Behörden stellten keine Verstöße fest.
Ein charakteristisches Detail: am selben Morgen des 5. März – noch bevor die Nachrichten über den Überfall in die Presse gelangten – hielt Orbán eine öffentliche Erklärung ab.
«Wir werden siegen, und wir werden mit Gewalt siegen – wir werden die Ukrainer zwingen, die Ölversorgung wiederherzustellen».
Viktor Orbán, 5. März 2025
Nach Angaben von Telex war die Unterbrechung des Öltransits durch «Druschba» das eigentliche Motiv der Operation. Orbán, überzeugt davon, dass Kyjiw die Förderung absichtlich blockierte, beschloss, ein Druckmittel zu schaffen – und wählte dafür einen Geldtransportkonvoi.
Wie die Sache nach den Wahlen zusammenbrach
Das ungarische Parlament verabschiedete schnell ein Gesetz zur Vermögenseinziehung. Kyjiw bezeichnete die Handlungen Budapests als Diebstahl. Aber das Interessanteste kam später.
Nach der Niederlage von Orbáns Partei bei der Wahl im April erhielten Staatsanwälte erstmals Zugang zu den «geheimen Materialien» des Falles. Die Schlussfolgerung war eindeutig: Der Verfassungsschutz hatte keine Beweise dafür vorgelegt, dass die Geldtransporteure eine Bedrohung der nationalen Sicherheit darstellten. Nach Aussage des neuen Premierministers Péter Magyars hatte Orbán «die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden und der Geheimdienste persönlich kontrolliert».
- 12. März gab Ungarn die Geldtransportfahrzeuge zurück
- 6. Mai erhielt die Oschadbank die volle Summe zurück – Geld und Gold
- 18. Mai hob Ungarn die Abschiebung und die dreijährige Einreisesperre für die sieben Geldtransporteure in den Schengen-Raum auf – ohne das Ende des Verfahrens abzuwarten
- Die neue Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren ein – bereits wegen der unrechtmäßigen Verhaftung der Ukrainer
Die Telex-Quellen warfen sich im Gespräch mit Journalisten «gegenseitig vor, ihre eigene Verantwortung zu verringern» – aber alle waren sich in einem einig: Die Operation war politisch, nicht rechtlich motiviert.
Ölpipeline als Grund, Wahlen als Kontext
«Druschba» stoppte für Ungarn nicht wegen einer Entscheidung Kyjiws, sondern wegen technischer und Sanktionsbeschränkungen gegen «Lukoil» – das Unternehmen, dessen Öl diese Route nahm. Die Ukraine blockierte den Transit im August 2024, nachdem «Lukoil» unter ukrainische Sanktionen fiel. Orbán bestand auf einer Wiederaufnahme – Kyjiw lehnte ab und berief sich auf die eigene Gesetzgebung.
Gleichzeitig näherten sich die ungarischen Wahlen im April. Telex verzeichnet: Die Regierungskommunikation nutzte aktiv den «Goldkonvoi» als Wahlbotschaft – Orbán als Verteidiger ungarischer Interessen gegen die «korrupte» Ukraine.
Falls die neue ungarische Staatsanwaltschaft den Fall der unrechtmäßigen Verhaftung zu einem Urteil bringt, würde das einen Präzedenzfall schaffen: Ein EU-Premierminister persönlich haftbar für eine Operation gegen einen Bündnisstaat ohne rechtliche Grundlagen. Die Frage ist, ob Magyars ausreichend politischer Wille vorhanden ist, die Sache bis zum Ende zu verfolgen – oder ob ein Kompromiss mit Brüssel wichtiger ist als ein Urteil.