Am 30. März legte ein Tanker mit 27.000 metrischen Tonnen russischen Öls am südkoreanischen Industriekomplex Daesan an. Die Ladung gehört LG Chem — dem führenden Chemiehersteller des Landes. Das ist nicht einfach ein kommerzieller Deal: es ist der erste offiziell dokumentierte Bruch des Sanktionsregimes rund um russische Rohstoffe auf dem koreanischen Markt — nicht gegen die USA gerichtet, sondern mit deren stillschweigender Zustimmung.
Von der Stilllegung des Werks zum „Notfallkorridor“
Öl — in diesem Fall Rohöl — ist Rohstoff zur Produktion von Ethylen, Kunststoffen und synthetischen Harzen. Südkorea verbraucht monatlich rund 4 Millionen Tonnen Öl, davon sind 45 % Import, und 77 % dieses Imports liefen traditionell durch die Straße von Hormus. Als nach den amerikanisch-israelischen Angriffen auf den Iran die Tankertransporte durch die Meerenge faktisch zum Erliegen kamen, riss die Lieferkette schlagartig.
Bereits am Montag, dem 24. März, stellte LG Chem die Ethylenproduktion im Werk in Yeosu ein. Das Unternehmen schickte, wie Lotte Chemical und Hanwha Solutions, Kunden eine Force‑Majeure‑Mitteilung — ein juristisches Instrument, das es erlaubt, sich wegen Umstände außerhalb der Kontrolle der Parteien von vertraglichen Verpflichtungen zu lösen. Laut Korea Federation of Plastics Industry Cooperatives haben 71 % der befragten Unternehmen Mitteilungen von Lieferanten über mögliche Kürzungen oder Aussetzungen der Harzlieferungen erhalten, 92 % über Preiserhöhungen für Rohstoffe.
„Es wäre besser, wenn es auf Regierungsebene ein System strategischer Ölvorräte gäbe.“
Ein Vertreter von LG Chem, zitiert nach Packaging Insights
Ein 30-tägiges Zeitfenster
Entscheidend war die Entscheidung Washingtons. Am 12. März erteilten die USA eine 30-tägige Genehmigung zum Kauf sanktionierter russischer Ölprodukte. Wie The Korea Herald unter Berufung auf das Industrieministerium berichtet, machte genau diese Ausnahmeregelung (Waiver) den Deal von LG Chem rechtlich möglich. Die Genehmigung läuft am 11. April aus — und ob sie verlängert wird, ist derzeit unklar.
Parallel dazu verbot die südkoreanische Regierung ab Mitternacht am Donnerstag den Export von Öl aus dem Land, um die verbleibenden Rohstoffbestände im Inland zu halten. Gleichzeitig verhält sich die Europäische Union laut The Korea Times im Energiebereich strikt gegenüber jeglichem Handel mit Russland — was koreanische Unternehmen, die große Exporteure in den EU‑Markt sind, unter potenziellen regulatorischen Druck setzt.
- 27.000 Tonnen — Liefermenge von LG Chem; das sind weniger als 1 % des monatlichen Bedarfs des Landes
- 80 % des Öls, das 2025 durch die Straße von Hormus lief, ging laut Wood Mackenzie nach Asien
- 12–14 Mio. Barrel Rohöl wurden täglich durch die Meerenge transportiert, bis sie geschlossen wurde
- LG Chem, Lotte Chemical, Hanwha Solutions — alle drei teilten ihren Kunden Force‑Majeure mit
Ein Präzedenzfall, den man kaum als solchen bezeichnen kann
Die symbolische Bedeutung des Vorfalls reicht weit über eine einzelne Rohstofflieferung hinaus. Südkorea ist einer der wichtigsten Verbündeten der USA in Asien und hat seit 2022 konsequent den Sanktionsdruck gegen Moskau mitgetragen. Nun kauft dieselbe Nation, mit Billigung Washingtons, erstmals offiziell russisches Öl — wenn auch über einen außerordentlichen „Notfallkorridor“.
Die offizielle Rhetorik bleibt vorsichtig: Die Regierung spricht von „Diversifizierung der Bezugsquellen“ und „Krisenmaßnahmen“, und der CEO von LG Chem dankte der Regierung für die „Unterstützung beim Kauf und der Bezahlung“. Die Mechanik ist jedoch eindeutig: Ein durch einen Krieg ausgelöster Mangel hat die Sanktionslinie untergraben, die infolge eines anderen Konflikts gezogen worden war.
Wenn Washington die Genehmigung nach dem 11. April nicht verlängert, steht LG Chem erneut vor der Wahl: Produktion einstellen oder Rohstoffe auf einem Markt suchen, auf dem sie physisch nicht vorhanden sind. Wenn sie sie jedoch verlängert — droht der temporäre „Notfallkorridor“ zur neuen Handelsnorm zu werden, die sich immer schwerer wieder schließen lässt.