Auf dem Gipfel der Weltukrainer äußerte der Beauftragte des Obersten Rats für Menschenrechte Dmytro Lubinets eine Zahl, die in der Ukraine lange bekannt, aber selten ausgesprochen wird: Seit Beginn der russischen Aggression im Jahr 2014 haben das Land etwa 8,5 Millionen Bürger verlassen. Davon mehr als 5,7 Millionen seit Februar 2022, nach Angaben des UNHCR.
Eine wichtige Nuance, die Lubinets separat hervorhob: Die tatsächliche Zahl könnte höher sein. Nach seinen Worten zeigt die offizielle Statistik des Außenministeriums 8,5 Millionen, während andere Berechnungen bis zu 11 Millionen angeben. Der Unterschied zwischen diesen Zahlen ist kein statistischer Fehler, sondern ein unmittelbares Problem: Er wirkt sich auf den Sozialschutz, konsularische Hilfe und die Vorbereitung von Reintegrationsprogrammen aus.
Zwei Bedingungen, ohne die — nichts
«Wir alle wünschen uns aufrichtig, dass unsere Menschen zurückkehren, aber Appelle allein reichen nicht aus. Es sind zwei Bedingungen erforderlich: zuverlässige internationale Sicherheitsgarantien und eine separate internationale Initiative zur Wohnversorgung, ohne die eine Massenrückkehr nicht stattfinden wird».
Dmytro Lubinets, Gipfel der Weltukrainer
Der Ombudsmann betonte besonders die Notwendigkeit, den Status des vorübergehenden Schutzes für Ukrainer im Ausland bis zum Ende der Kampfhandlungen zu verlängern. Derzeit nutzen mehr als 4,3 Millionen Ukrainer diesen Status in der EU — am meisten in Deutschland, Polen und der Tschechei.
Was die Soziologie sagt: 74% → 43%
Die Daten des Zentrums für Wirtschaftsstrategie (ZES) dokumentieren eine besorgniserregende Dynamik. Gemäß einer Umfrage von Info Sapiens im Auftrag des ZES planten im Dezember 2022 74% der Ukrainer im Ausland die Rückkehr. Bis Januar 2024 — 52%. Im November–Dezember 2024 fiel dieser Anteil auf 43%. Nur 20% der Befragten sind sich vollständig sicher, dass sie zurückkehren werden.
Analysten des ZES unterscheiden vier Cluster unter Flüchtlingen — von denen, die bereits eine «neue Lebensbahn» im Ausland aufbauen, bis zu denen, die klare Rückkehrpläne verfolgen. Nach verschiedenen Szenarien werden 2 bis 3 Millionen Ukrainer überhaupt nicht nach Hause zurückkehren.
Der Preis für die Wirtschaft
Nach Berechnungen des ZES könnte die Ukraine ohne effektive staatliche Rückkehrpolitik bis zu 113 Milliarden Dollar BIP in 10 Jahren verlieren (in Preisen von 2021). Um die Wirtschaft bis 2032 um 7% pro Jahr wachsen zu lassen, muss das Land 3,1 bis 4,5 Millionen Personen auf dem Arbeitsmarkt gewinnen. Gleichzeitig zeigte eine Umfrage der Europäischen Geschäftsvereinigung bereits 2024: 71% der ukrainischen Unternehmen sind bereits mit einem erheblichen Arbeitskräftemangel konfrontiert.
Das Paradoxon der Situation besteht darin, dass dieselben Ukrainer, die nicht zurückkehren, zu einem wirtschaftlichen Vermögenswert für ihre Aufenthaltsländer werden. Eine im Sommer 2025 für das UNHCR durchgeführte Studie dokumentierte: ukrainische Flüchtlinge in Polen generieren etwa 2,7% des polnischen BIP.
- 8,5 Millionen — offizielle Zahl des Außenministeriums (nach UNHCR-Daten ab 2022: 5,7 Millionen)
- 43% — Anteil derjenigen, die eine Rückkehr planen (Dezember 2024, ZES/Info Sapiens)
- 113 Milliarden Dollar — potenzielle BIP-Verluste in 10 Jahren ohne Rückkehrpolitik
- 4,3 Millionen — Ukrainer mit aktivem Status des vorübergehenden Schutzes in der EU
Lubinets hat die Prioritäten richtig gesetzt: Sicherheit und Wohnung sind notwendige Bedingungen. Aber die Soziologie dokumentiert noch eine weitere Variable, die schwerer zu messen ist und noch schwerer zu ändern: Zeit. Wenn der Anteil derer, die zurückkehren möchten, um etwa 10 Prozentpunkte pro Jahr sinkt — bis zu welchem Punkt wird er fallen, wenn Sicherheitsgarantien und Wohnprogramme endlich erscheinen?