Die polnische Oppositionspartei «Recht und Gerechtigkeit» (PiS) ist nach einer Aussage ihres stellvertretenden Vorsitzenden Przemysław Czarnecki in einen öffentlichen Konflikt geraten. Am Montag forderte er auf dem Fernsehkanal TV Republika die Europäische Union auf, die Finanzierung von Waffen und des Wiederaufbaus der Ukraine einzustellen – solange Kiew «nicht den Weg der pro-ukrainischen Werte einschlägt». Auslöser war die Entscheidung Selenskyjs Ende Mai, eine Einheit der ukrainischen Streitkräfte «zu Ehren der Helden der UPA» zu benennen.
Die Reaktion des Parteivorsitzenden ließ nicht lange auf sich warten. Nach Angaben des polnischen Mediums Wprost antwortete Jarosław Kaczyński in dem sozialen Netzwerk X und widersprach damit faktisch seinem Stellvertreter:
«Recht und Gerechtigkeit steht und stand schon immer auf dem Standpunkt, dass Militärhilfe für die Ukraine – insbesondere über die EU – unbedingt erforderlich ist. Die Äußerung des stellvertretenden Parteivorsitzenden wird von der Parteiführung geklärt».
Jarosław Kaczyński, X
Kaczyński unterstützte Czarnecki also nicht nur nicht – er erteilte ihm faktisch öffentlich einen Parteiverweise, ohne zu internen Verhandlungen zu greifen. Dies ist untypisch für eine Partei, die traditionell Disziplin demonstriert.
Was passiert hinter den Kulissen
Der Konflikt entstand nicht im Vakuum. Die Spannungen zwischen Warschau und Kiew verschärften sich, nachdem der polnische Präsident Karol Nawrocki Selenskyj den Orden des Weißen Adlers entzog – als Reaktion auf die Umbenennung der Militäreinheit. Mehrere einflussreiche ukrainische Politiker gaben daraufhin demonstrativ polnische Auszeichnungen zurück.
In diesem Zusammenhang sandte Kaczyński selbst – obwohl er sich weigerte, die Einstellung von Waffenlieferungen zu unterstützen – parallel einen Brief an Parteigenossen mit einer anderen Drohung: Falls die PiS an die Macht kommt, werde die Partei den Beitritt der Ukraine zur EU blockieren, solange Kiew nicht auf die «Bandera-Verehrung» und die Heroisialisierung der OUN und UPA verzichte. Wie das polnische Medium Polsat News dokumentierte, nannte er Selenskyjs Entscheidung einen «unglaublich frechen und beleidigenden Akt».
Kaczyńskis Position sieht also folgendermaßen aus:
- Waffen – nicht stoppen (Unterschied zu Czarnecki)
- EU-Beitritt – blockieren (eigene Eskalation)
- Parteidisziplin – öffentlich wiederherstellen
Warum dies mehr ist als nur ein interner Streit
Die PiS ist die wichtigste Oppositionskraft Polens und ein realer Anwärter auf die Rückkehr an die Macht. Ihre Position zur Ukraine wird die polnische Außenpolitik nach den nächsten Wahlen prägen. Czarnecki hat bereits einen Entschließungsantrag im Sejm eingereicht, der die Regierung zur Blockierung der Eurointegration der Ukraine verpflichten soll – dies ist keine Rhetorik mehr, sondern eine legislatorische Initiative.
Ministerpräsident Donald Tusk reagierte bissig und nannte das Ganze eine «Auktion der Ukrainefeindlichkeit». Das eigentliche Problem liegt jedoch nicht in Äußerungen: Die polnische öffentliche Meinung zur UPA ist eindeutig negativ, und beide Lager – sowohl die Koalition als auch die Opposition – spüren diesen Druck von unten.
Solange Kaczyński die Linie «Waffen – ja, EU – nein» hält, spielt die PiS auf zwei Fronten gleichzeitig. Falls die Partei bei den polnischen Wahlen im Herbst 2027 eine Mehrheit erhält – wird diese Linie unverändert bleiben, oder wird sich Czarnecki als kein Außenseiter, sondern als Vorbote eines neuen Kurses erweisen?