Generalmajor Wadim Tschentschik, der seit 2019 die Funktion des stellvertretenden Leiters des Staatsgrenzschutzdienstes innehatte, führt nun vorübergehend die Geschäfte dessen Leiters. Der Erlass wurde von Präsident Wolodymyr Selenskyj unterzeichnet. Die Formulierung ist kurz und trocken — „vorübergehend die Aufgaben erfüllen" — doch dahinter verbirgt sich bereits der dritte Wechsel auf dieser Position im letzten Monat.
Chronik eines Stuhls
Um das Ausmaß der Personalfluktuation zu verstehen, lohnt sich ein Rückblick auf die Abfolge der Ereignisse.
- 4. Januar 2026: Selenskyj entlässt Serhij Deineka von der Position des Leiters des Staatsgrenzschutzdienstes.
- Die Aufgaben des Leiters des Grenzschutzdienstes werden Generalmajor Walerij Wawynjuk übertragen.
- 22. Januar: Das NABU teilt mit, dass gegen Deineka Anklage wegen Bestechungsgeldannahme zur Unterstützung von Zigarettenschmuggel in die EU erhoben wird.
- 30. Januar: Das WAKS setzt eine Kaution von 10 Millionen Hrywnja fest.
- Nun, weniger als einen Monat nach der Ernennung, wird Wawynjuk auf der Position des stellvertretenden Leiters von Tschentschik abgelöst.
Der Dienst, der gleichzeitig den Staatsgrenzen schützt und an Kampfhandlungen an einzelnen Frontabschnitten beteiligt ist, ist bereits mehr als einen Monat ohne ständigen Leiter — und der Grund dafür wird öffentlich nicht erklärt.
Warum gerade jetzt
Formal ist der Erlass eine Routineentscheidung in einem System, in dem der Leiter des Staatsgrenzschutzdienstes vom Präsidenten ernannt wird. Doch die Geschwindigkeit, mit der ein stellvertretender Leiter den anderen ersetzt, deutet darauf hin, dass der Prozess der Suche nach einem ständigen Leiter entweder ins Stocken geraten ist oder bewusst aufgeschoben wird. Die Korruptionsangelegenheit gegen Deineka bleibt ungelöst: Die Kaution ist hinterlegt, die Ermittlungen laufen, und jede endgültige Personalentscheidung für den Staatsgrenzschutzdienst wird unweigerlich durch die Linse dieses Falls betrachtet.
In diesem Kontext wirkt die Ernennung eines etablierten stellvertretenden Leiters statt eines neuen externen Managers wie ein Versuch, zusätzliche Risiken und Fragen zu vermeiden — Tschentschik ist seit mehr als fünf Jahren in der Struktur bekannt, war für internationale Zusammenarbeit verantwortlich, und seine Biografie enthält keine öffentlichen Skandale.
Wem nützt das
Die Präsidialmannschaft erhält durch diese Konstellation die Kontrolle über ein wichtiges Sicherheitsorgan, ohne den neuen Ernannten während der aktiven Phase der Korruptionsermittlungen gegen seinen Vorgänger öffentlich verteidigen zu müssen. Der Status als stellvertretender Leiter ist auch eine Möglichkeit, eine schwierige politische Entscheidung aufzuschieben: Eine ständige Ernennung würde erfordern, die Auswahlkriterien zu erklären und den Vergleich mit den Umständen der Entlassung Deinekas zu ertragen.
Für Tschentschik selbst ist das stellvertretende Mandat zugleich eine Probe und ein Risiko: Den Dienst in einem Zustand der Ungewissheit zu führen, ohne die Befugnisse eines ständigen Leiters zu haben, strategische Entscheidungen über Personal und Frontabschnitte zu treffen, während man gleichzeitig ein veränderliches Element des Systems bleibt.
Was bedeutet das für die Kontrolle des Staatsgrenzschutzdienstes
Die wichtigste offene Frage bleibt: Wird dieser nächste Wechsel ein Schritt hin zu einer transparenten Ernennung eines ständigen Leiters sein, oder eine weitere Pause in einer möglicherweise endlos langen Serie von „stellvertretenden Amtsinhabern". Für einen Dienst, der für den Grenzschutz in Kriegszeiten verantwortlich ist und bereits einen Korruptionsskandal auf höchster Ebene erlebt hat, ist das Fehlen einer stabilen Leitung nicht nur eine technische Einzelheit, sondern eine Frage der Funktionsfähigkeit des gesamten Systems.
Wird in nächster Zeit ein Ausschreibungsverfahren für einen ständigen Leiter des Staatsgrenzschutzdienstes angekündigt, oder wird Tschentschik den Dienst weiterhin im Status eines „stellvertretenden" Leiters für einen unbestimmten Zeitraum führen?