Estland warnt: Bei einem Einmarsch verlagern wir den Krieg auf russisches Territorium – was bedeutet das für die Sicherheit des Baltikums?

Der estnische Außenminister Margus Tsahkna sagte in einem DW-Interview, Tallinn sei bereit, nicht nur Verteidigung zu leisten, sondern Kampfhandlungen auch auf russisches Territorium zu verlagern. Wir analysieren, warum dies ein Element der Abschreckungsstrategie ist und welche Auswirkungen das auf die Ukraine und die NATO hat.

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Маргус Тсахкна (Фото: EPA / OLIVIER HOSLET)

Was Tsahkna sagte

In einem Interview mit DW sagte Estlands Außenminister Margus Tsahkna, das Land wisse „genau, was zu tun ist“ im Falle eines russischen Angriffs und habe Pläne nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zur Verlagerung der Kampfhandlungen auf das Gebiet der Russischen Föderation. Seiner Aussage nach sei das Abschreckungspotenzial in Estland „wirklich hoch“.

„Wir wissen genau, was zu tun ist. Wir sind auf eine mögliche Invasion Russlands vorbereitet, und das Abschreckungsniveau ist wirklich hoch... Wenn Russland in unser Hoheitsgebiet einmarschiert und auf Widerstand stößt, werden wir den Krieg auf russisches Territorium verlagern.“

— Margus Tsahkna, estnischer Außenminister (Interview mit DW)

Warum das wichtig ist

Das ist nicht bloße Rhetorik — es ist Teil der Abschreckungspolitik. Für kleine Grenzstaaten wie Estland erhöht die Fähigkeit, effektiv zurückzuschlagen, die Kosten einer Aggression für den Angreifer und macht den geographischen Faktor weniger eindeutig. Für die Ukraine ist eine solche Haltung bedeutsam: Die Solidarität der Verbündeten und die Bereitschaft zu umfassendem Handeln stärken die gemeinsame Sicherheitsfront.

Kontext und konkrete Schritte

Diese Aussage fällt vor dem Hintergrund mehrerer praktischer Schritte Tallinns: Ende Dezember 2025 äußerte der Leiter des estnischen Auslandsnachrichtendienstes die Auffassung, dass Russland derzeit keine Absicht habe, die baltischen Staaten anzugreifen, gleichzeitig baut Estland jedoch seine Verteidigungsfähigkeiten aus. Am 29. Januar 2026 wurde über eine Initiative Estlands berichtet, russischen Militärangehörigen, die am Krieg gegen die Ukraine teilgenommen haben, die Einreise in den Schengen-Raum zu verbieten; zuvor hatte das Land bereits ein Einreiseverbot für 261 russische Militärangehörige verhängt, die an Kampfhandlungen beteiligt waren.

Was das für die NATO und die Ukraine bedeutet

Die Aussage betont zwei zentrale Punkte: Erstens, dass Abschreckung in der Region nicht nur durch Truppenpräsenz aufgebaut wird, sondern auch durch die Bereitschaft zu asymmetrischen und offensiven Maßnahmen; zweitens, dass die Wirksamkeit dieser Strategie von der politischen Willensstärke Europas und der Koordination innerhalb der NATO abhängt. Analysten in der EU und im Nordatlantischen Bündnis weisen darauf hin, dass die Demonstration der Bereitschaft zu entschiedener Gegenwehr zwar die Eskalationsrisiken erhöht, aber zugleich die Kosten einer Aggression für den Gegner in die Höhe treibt.

Fazit

Tsahkna's Erklärung ist ein Signal: Für die baltischen Staaten beschränkt sich Verteidigung längst nicht mehr auf rein passive Maßnahmen. Für die Ukraine ist es eine Erinnerung an die Bedeutung der Einheit der Partner und an die Notwendigkeit, Abschreckungsbekundungen in praktische Pläne zu übersetzen. Der nächste Schritt hängt davon ab, ob sich die politische Unterstützung Europas in konkrete Entscheidungen — operativ, logistisch und gesetzgeberisch — verwandelt.

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