Für die Ukraine ist die Frage „wer sitzt in Berlin" – keine abstrakte Politikwissenschaft, sondern konkrete Patriot-Raketen, Panzer und Milliarden Euro an Hilfe. Daher ist die Aussage des ehemaligen Außenministers Pawlo Klimkin über einen möglichen Wechsel der Akteure in der deutschen Macht bis Ende des Jahres nicht als Zukunftsprognose, sondern als Signal für Risiken der bereits bestehenden Unterstützung beachtenswert.
In einer neuen Ausgabe des YouTube-Projekts LIGA.net „Klimkin erklärt" skizzierte der Diplomat die Logik, warum die Septemberwahlen in den östlichen Bundesländern der BRD wichtig sind – weit über die Regionalpolitik hinaus.
Nicht die Partei, sondern die Menschen
Klimkin erwartet nicht, dass die ultrarechte „Alternative für Deutschland", die in den Umfragen im Osten des Landes mit einer Quote von über 40 % in Sachsen-Anhalt führt, die derzeitige Regierungskoalition auf Bundesebene zu zerstören vermag. Aber er weist auf ein anderes, weniger offensichtliches Risiko hin.
„Wird dies zu einer personalen Umgestaltung in Deutschland führen? Meine Freunde sagen, es ist fifty-fifty. Aber eher ja. Wir könnten bis Ende des Jahres in einer Realität landen, in der wir es in Deutschland mit anderen Akteuren zumindest auf persönlicher Ebene zu tun haben. Ich hoffe nicht auf politischer Ebene", sagte Klimkin.
Das ist ein Unterschied, den man verstehen sollte: nicht ein Kurswechsel, sondern ein Wechsel der konkreten Menschen, mit denen die Ukraine über Waffen, Finanzierung und Sanktionen verhandelt. Ein neuer Minister oder ein neuer Fraktionsvorsitzender – das sind neue Kontakte, neue Prioritäten, manchmal – Monate der „Einarbeitung", die der Krieg einfach nicht hat.
Warum der Kreml in Regionalwahlen investiert
Das Ausmaß der russischen Einmischung zeigt, wie ernst man in Moskau gerade diese Wahlen in den östlichen Bundesländern nimmt. Nach verfügbaren Daten wurden bereits über 180 gefälschte Veröffentlichungen über Kandidaten erstellt, die dem Kreml nicht passen. Das ist kein Zufall – die östlichen Bundesländer der BRD haben historisch ein höheres Niveau pro-russischer Stimmungen, und gerade dort ist die AfD in der Lage, sich in einzelnen Regionen einer absoluten Mehrheit zu nähern.
Die Logik ist einfach: Wenn man die Koalition in Berlin nicht direkt ändern kann, kann man versuchen, seine Leute in regionale Regierungen zu bringen, von wo aus die Karriereleiter zur Bundespolitik beginnt.
Breiterer Kontext: nicht nur Deutschland
Klimkin weist auch auf andere Spannungspunkte in Europa hin, die sich überlagern. In Frankreich wird mit Beginn der neuen politischen Saison wahrscheinlich die aktive Phase des Wahlkampfs vor der Präsidentschaftswahl 2027 starten – ein Ereignis, das nach seinen Worten nicht nur über das Schicksal Frankreichs, sondern der gesamten EU entscheidet. Ein zusätzlicher Stabilitätsfaktor ist Großbritannien, wo sich der neue Premierminister anscheinend vorrangig auf innenpolitische Fragen konzentrieren wird, nicht auf Außenpolitik.
„Die neue politische Saison wird eine der reichhaltigsten an sehr nicht-trivialen Herausforderungen sein – sowohl an solche, die wir bereits vorhersehen können, als auch an solche, die wir noch nicht vorhersehen können", fügte der Diplomat hinzu.
Die derzeitige deutsche Regierung bleibt einer der Schlüsselpartner der Ukraine – erst im Juni berichtete Wolodymyr Selenskyj von einem Vertrag über die Lieferung von 600 Raketen für Patriot-Systeme. Die Frage ist, ob diese Dynamik erhalten bleibt, wenn im Herbst neue Gesichter am Verhandlungstisch auftauchen: Wie viel Zeit wird es brauchen, damit sie ebenfalls den Preis jeder Woche der Verzögerung verstehen?