Litauens Verteidigungsminister Robertas Kaunas bestätigte am 2. Juni, dass zwischen Vilnius und Washington geheime Verhandlungen über eine mögliche Stationierung amerikanischer Atomwaffen auf litauischem Territorium laufen. Dies ist keine eigenständige Initiative – sie fügt sich in einen breiteren Prozess ein: Wie das Financial Times unter Berufung auf drei Quellen berichtet, führen die USA vertrauliche Verhandlungen mit mehreren NATO-Verbündeten über eine Ausweitung des Programms dual-capable aircraft auf Länder der Ostflanke.
«Diskussionen finden tatsächlich statt. Ich möchte nicht in die Details gehen, da sie geheim sind, aber Litauen steht definitiv nicht abseits».
Robertas Kaunas, Verteidigungsminister Litauens
Was zwischen Absichten und Realität steht
Artikel 137 der litauischen Verfassung ist eindeutig: «Auf dem Gebiet der Litauischen Republik dürfen sich keine Massenvernichtungswaffen und keine ausländischen Militärstützpunkte befinden». Das heißt, jede Stationierung – selbst von Komponenten der Kernwaffeninfrastruktur – ist ohne Änderung des Grundgesetzes formal illegal.
Das Verfahren ist nicht einfach. Nach litauischem Recht sind für Verfassungsänderungen mindestens 94 Stimmen von 141 Seimas-Abgeordneten erforderlich – und es muss zweimal mit einer verbindlichen Pause von mindestens drei Monaten abgestimmt werden. Ein Referendum ist zwar nicht erforderlich, Konsens jedoch schon. Die Vorsitzende der liberalen Fraktion, Viktorija Čmilytė-Nielsen, betonte, dass selbst die gesamte regierende Koalition ohne Unterstützung der Opposition diesen Schwellenwert nicht erreichen wird.
Präsident Gitanas Nausėda hat die Idee einer Überprüfung von Artikel 137 öffentlich unterstützt und die derzeitige Sicherheitslage als ausreichende Begründung bezeichnet. Der Seimas-Vorsitzende Viktorija Čmilytė-Nielsen sprach sich ebenfalls «dafür» aus – aber genau für den Beginn einer Diskussion, nicht für eine konkrete Entscheidung. Der überparteiliche Konsens ist bislang nicht entstanden.
Kontext: Warum genau jetzt
Die Verhandlungen finden vor dem Hintergrund von zwei parallel ablaufenden Prozessen statt. Erstens reduzieren die USA ihre konventionelle Präsenz in Europa: Das Pentagon stornierte eine Rotation von 4 000 Soldaten nach Polen und kündigte den Rückzug von 5 000 Soldaten aus Deutschland an. Zweitens treibt Frankreich seine eigene Initiative für eine erweiterte Kernwaffenabschreckung für Verbündete voran – und Litauen hat bereits eine Einladung zu Konsultationen mit einem Berater des Élysée-Palasts erhalten.
Derzeit nehmen sechs NATO-Länder am amerikanischen Programm zur Stationierung von Atomwaffen teil: Belgien, Deutschland, Italien, Niederlande, Türkei und Großbritannien – alle westlich oder südlich von Russland. Polen wirbt offen für einen Beitritt; unter den baltischen Staaten hat Litauen als erstes aktive Verhandlungen bestätigt.
Die Soziologie ist bislang verhalten: Nach einer Umfrage von Spinter tyrimai im März unterstützen etwa 40% der Litauer eine Verfassungsänderung, 23% vollständig, weitere 17% «eher ja». Das ist keine Mehrheit, und für eine Verfassungsabstimmung ist nicht eine Mehrheit, sondern eine Supermehrheit erforderlich.
Was wirklich unbekannt ist
Kaunas hat bestätigt, dass es Verhandlungen gibt, nicht aber deren Inhalt. Die Hauptfrage bleibt offen: Geht es um die Stationierung von Sprengköpfen, um die Zertifizierung litauischer Piloten zur Lieferung amerikanischer Bomben oder nur um infrastrukturelle Bereitschaft? Dies ist ein wesentlicher Unterschied – und genau dieser wird bestimmen, welcher Artikel der Verfassung und in welcher Formulierung geändert werden muss.
Sollten die USA bis Ende 2025 einen konkreten Vorschlag für die Ostflanke öffentlich machen, wird sich der litauische Seimas einer Abstimmung gegenübersehen, die zeigen wird: Ob der erklärte Konsens zur Sicherheitspolitik ein echter Entscheidungsmechanismus ist – oder nur Rhetorik aus Friedenszeiten.