Emotionen beiseite — Fakten prüfen
НАБУ hat Unterlagen im Fall «Мідас» veröffentlicht, in denen eine neue Codefigur auftaucht — «Сигізмунд». Nach Auffassung der Ermittler verbirgt sich hinter diesem Namen der ehemalige Minister für Energie und Justiz Герман Галущенко. Das ist nicht nur ein Spitzname in der kriminalen Chronik: Es geht um einen Mechanismus zur Verteilung von Zahlungen im kritischen Sektor Energie und um internationale Finanzströme, die über Offshore-Gesellschaften und Schweizer Banken abflossen.
Was genau НАБУ behauptet
Die Ermittler beschreiben ein System mit dem Codenamen «Шлагбаум», bei dem Vertragspartner des Staatsunternehmens Енергоатом angeblich „Kickbacks“ zahlten, um Vergütungen für erbrachte Leistungen zu erhalten. Den Ermittlungen zufolge floss ein Teil dieser Mittel zugunsten der unter dem Pseudonym «Сигізмунд» geführten Person — es geht um etwa $12,9 Mio. für die Jahre 2021–2025.
„Карлсон durch Verbindungen in die höchsten Staatsorgane sorgte für die Aufrechterhaltung der Schlüsselrolle von Сигізмунд und anderen von ihm kontrollierten Personen im Ministerkabinett der Ukraine sowie für die externe Stabilität der kriminellen Organisation“
— НАБУ, Pressestelle
Mechanik des Systems und internationale Spuren
Den Ermittlungen zufolge wurde 2021 auf der Insel Anguilla ein Fonds gegründet, mit dem bis zu $100 Mio. an Investitionen angezogen werden sollten. Die Finanzierung wird über Spitznamen genannt: Шугармен (Олександр Цукерман) und Карлсон (Тимур Міндіч). Um die Beteiligung des Ex-Ministers zu verschleiern, wurden auf den Marshallinseln drei Gesellschaften registriert, deren wirtschaftliche Berechtigte nahe Verwandte des Amtsinhabers wurden; diese Firmen wurden in die Trust-Struktur eingegliedert und eröffneten Konten bei drei Schweizer Banken.
НАБУ berichtet außerdem von einer „Schwarzbuchführung“ unter dem Codenamen CMPLX, über die den Ermittlern zufolge von 2021 bis 2025 mehr als $112 Mio. innerhalb verschiedener Posten gelaufen sein sollen. Ein Teil der Gelder, die «Сигізмунд» erhalten haben soll, wurde demnach überwiesen: $7,4 Mio. auf Konten zweier Gesellschaften auf den Marshallinseln und fast $4 Mio. bar in der Schweiz.
„Die vorliegenden Beweise deuten darauf hin, dass Сигізмунд, während er das Amt des Energieministers innehatte, $7,4 Mio. auf Konten zweier auf den Marshallinseln registrierter Gesellschaften erhielt. Weitere fast $4 Mio. wurden bar in der Schweiz ausgezahlt“
— НАБУ, Pressestelle
Chronologie der wichtigsten Ereignisse
10. November 2025 — НАБУ führte im Zusammenhang mit dem Korruptionsfall im Energiesektor rund 70 Durchsuchungen durch. 19. November 2025 — die Werchowna Rada entließ Галущенко im Zuge des Skandals von seinem Posten als Justizminister. 15. Februar 2026 — Strafverfolgungsbehörden nahmen den Ex-Minister bei einem Versuch fest, die Grenze zu überschreiten; am folgenden Tag wurde ihm der Vorwurf der Geldwäsche und Beteiligung an einer kriminellen Organisation bekanntgegeben. 17. Februar 2026 — das Höhere Antikorruptionsgericht verhängte als Haftmaßnahme Untersuchungshaft mit der Alternative einer Kaution in Höhe von 200 Mio. UAH.
Warum das für jeden von uns wichtig ist
Diese Geschichte hat mehrere Dimensionen von öffentlichem Interesse: Erstens geht es um die Frage der finanziellen Disziplin im Energiesektor — Verzögerungen oder intransparente Abzüge wirken sich auf die Abrechnungen mit Auftragnehmern und letztlich auf die Versorgungssicherheit und die Staatsausgaben aus. Zweitens ist es ein Prüfstein für die Effektivität polizeilicher und justizieller Zusammenarbeit: Die Ermittlungen wurden unter Einbeziehung der Schweiz, der Marshallinseln und rund 15 weiterer Länder geführt — die internationalen Spuren bestätigen den grenzüberschreitenden Charakter der Operationen.
Marktanalysten im Energiesektor weisen darauf hin, dass Korruptionsschemata in kritischen Branchen das Vertrauen der Investoren untergraben und die Steuerung während des Wiederaufbaus der Infrastruktur erschweren. Für die Steuerzahler ist es wichtig, nicht nur Namen zu kennen, sondern auch die Mechanismen — damit Gerichtsverfahren und Rückerstattungen transparent sind und in konkreten Ergebnissen enden, nicht nur in Bekundungen.
Wie es weitergeht
Der nächste Schritt sind Gerichtsverfahren und die internationale Zusammenarbeit bei der Vollstreckung von Entscheidungen. Fälle dieses Ausmaßes prüfen die Fähigkeit der Institutionen, Beteiligung nachzuweisen und Gelder in den Staat zurückzuführen. Nun sind die Gerichte und jene am Zug, die beim Abfluss von Geldern ins Ausland geholfen haben; das öffentliche Interesse gilt weniger der Sensation als der Forderung nach Verantwortung und der Wiederherstellung von Vertrauen in das System.
Wir werden die Entwicklung weiterhin verfolgen und komplexe juristische und finanzielle Aspekte klar und sachlich erläutern.