Charkiw, Saporischschja, Mykolajiw — in jeder dieser Städte wissen die Einwohner bereits, was wochen ohne stabile Wasserversorgung bedeuten. Aber das, was sich bisher ereignet hat, könnte nur eine Generalprobe gewesen sein. Nach Angaben der Leiterin für Informationspolitik der Vereinigung Ukrvodokanalekologija, Viktoria Jakovljeva, kann ein gezielter Treffer auf eine Knotenanlage eine Metropole vollständig von der Wasserversorgung abschneiden.
Die Wasserversorgung ist ein unterirdisches Netz aus Tausenden Kilometern Rohrleitungen. Sie mit einem einzigen Schlag zu zerstören ist technisch schwierig. Doch in dieser Zerstreuung liegt eine trügerische Sicherheit: Das System stützt sich auf Knotenpunkte — Hauptwasserleitungen und Pumpstationen. Die Zerstörung eines solchen Punktes reißt die gesamte Kette auseinander.
Die zentrale Verwundbarkeit ist die Abhängigkeit von elektrischer Energie. Pumpen funktionieren ohne Strom nicht. Jeder Treffer auf eine Unterstation oder einen Transformator wird deshalb automatisch auch zu einem Schlag gegen die Wasserversorgung. Das ist kein Nebenefekt — das ist die vorhersehbare Logik von Angriffen auf kritische Infrastruktur.
Wenn Pumpstationen ausfallen, gehen die Folgen über übliche Unannehmlichkeiten hinaus. Ohne Druck in den Leitungen funktioniert die Kanalisation nicht mehr. Abwässer stauen sich. Innerhalb weniger Tage verwandelt sich das in eine hygienische Krise: Risiko von Ausbrüchen von Darminfektionen, Verunreinigung des Grundwassers, Kollaps von Krankenhäusern, die ohne Wasser nicht arbeiten können.
Die Wiederherstellung nach mehrfachen Schäden ist ein eigenes Problem. Es geht nicht nur um Rohre und Pumpen: es werden Materialien, Technik, qualifizierte Mannschaften und vor allem sicherer Zugang zur Schadensstelle benötigt. Unter aktiven Beschuss arbeiten die Reparaturteams unter der ständigen Gefahr weiterer Angriffe — Russland hat Notfallteams während Wiederherstellungsarbeiten wiederholt attackiert.
Städte, die bereits lang andauernden Wasserausfall erlebt haben, haben teilweise Anpassungen entwickelt: Reservegeneratoren, mobile Wasserverteilstellen, Vorräte in Behältern. Doch keine dieser Maßnahmen ist auf eine anhaltende Krise in einer Millionenstadt ausgelegt. Reservetanks sind innerhalb von Tagen erschöpft, Generatoren benötigen Treibstoff, und die Schlangen vor den Wassertransportern sind längst kein Puffer mehr, sondern ein Zeichen dafür, dass das System versagt.
Die Frage ist nicht, ob Wasserversorger theoretisch geschützt sind — sondern, wie viele Knotenobjekte derzeit über physischen Schutz und eine Notstromversorgung verfügen, die für den Betrieb während eines länger andauernden Blackouts ausreicht. Wenn die Antwort darauf geheim gehalten wird — ist das wirklich Schutz der Infrastruktur oder einfach das Fehlen öffentlicher Kontrolle über ihren Zustand?