Kurz
Viktor Orbán hat einen offenen Brief an Präsident Wolodymyr Selenskyj veröffentlicht, in dem er Kiew der angeblichen Einmischung in Wahlen beschuldigt und dazu aufruft, die Arbeit der Ölpipeline „Druzhba“ wiederaufzunehmen. Der Brief erschien vor dem offiziellen Beginn der Wahlkampagne in Ungarn und gewinnt sofort politische und energiepolitische Bedeutung für beide Seiten.
Was Orbán genau schrieb
In dem Brief behauptet der Ministerpräsident, die Ukraine koordiniere angeblich ihre Aktionen mit Brüssel und der ungarischen Opposition, um pro‑ukrainische Stimmungen in Ungarn zu verstärken. Orbán beklagt außerdem öffentlich die Blockade des Transits russischen Öls durch die Ukraine — er bezeichnet dies als Bedrohung der Energiesicherheit ungarischer Familien und fordert die Wiederaufnahme der Lieferungen über die Pipeline „Druzhba“.
"Inzwischen haben Sie die Unterstützung Brüssels erhalten und sich die Unterstützung der ungarischen Opposition gesichert. Wir sehen auch, dass Sie, Brüssel und die ungarische Opposition Ihre Bemühungen koordinieren, um in Ungarn eine pro‑ukrainische Regierung an die Macht zu bringen."
— Viktor Orbán, Ministerpräsident von Ungarn
"Wir fühlen mit dem ukrainischen Volk, aber wir wollen nicht am Krieg teilnehmen. Wir wollen die Kriegsanstrengungen nicht finanzieren und wir wollen nicht mehr für Energie zahlen. Ich fordere Sie auf, die Ölpipeline ‚Druzhba‘ sofort wieder zu öffnen und von weiteren Angriffen auf die Energiesicherheit Ungarns abzusehen. Mehr Respekt vor Ungarn!"
— Viktor Orbán, Ministerpräsident von Ungarn
Warum das gerade jetzt geschieht
Politisches Timing. Die Eröffnung der Kampagne am 21. Februar macht die Frage der Ukraine zum zentralen Element von Orbáns Wahlkampfrhetorik. Analysten weisen darauf hin: die Angst vor einer "Einmischung" in nationale Angelegenheiten ist ein wirksames Instrument zur Mobilisierung eines Teils der Wählerschaft.
Energiehebel. Die Forderung, den Transit über die „Druzhba“ wiederaufzunehmen, ist zugleich eine inländische Botschaft an Wähler und ein Signal an Moskau, dass Ungarn bereit ist, die Verfügbarkeit von Energie zu verteidigen. Nach Angaben Brüssels bestehen aufgrund von 90‑tägigen Vorräten kurzfristig keine Risiken für Ungarn und die Slowakei, doch der politische Druck auf Kiew steigt.
Was das für die Ukraine bedeutet
Diplomatische Dimension. Der Brief erhöht das Risiko, dass Ungarn Teile der europäischen Unterstützung blockiert, insbesondere in Fragen, die die ungarische Minderheit und grenzüberschreitende Zusammenarbeit betreffen. Das erfordert von Kiew eine vorsichtige, aber aktive Diplomatie.
Energiefront. Derzeit besteht keine direkte technische Bedrohung, doch die Forderungen nach Wiederaufnahme des Transits können als Argument in innerungarischen Verhandlungen oder als Hebel in Verhandlungen mit Moskau genutzt werden. Die ukrainische Regierung muss mit Partnern in der EU zusammenarbeiten, um Fakten zu vermitteln und die emotionale Komponente dieser Rhetorik zu reduzieren.
Wie praktisch zu reagieren ist
Eine wirksame Antwort sollte drei Richtungen haben: erstens erklärende Diplomatie gegenüber ungarischen Wählern und Politikern über die Folgen energiewirtschaftlicher Entscheidungen; zweitens Koordination mit Brüssel bezüglich der Energievorräte und alternativer Routen; drittens Zusammenarbeit mit internationalen Medien und Experten, damit der Kontext des Briefes nicht zu einem Instrument der Desinformation wird.
Fazit
Orbáns Brief ist nicht nur eine persönliche Beschwerde gegen Kiew. Er zeigt, dass Energiepolitik und die Innenpolitik Ungarns sich zu Beginn des Wahlkampfs mit der Geopolitik der Region verflochten haben. Für die Ukraine ist es wichtig, nicht zu dramatisieren, aber auch nicht zu ignorieren: Jetzt ist eine klare, argumentierte Reaktion notwendig, die Emotionen abbaut und die realen Risiken und Chancen betont. Ob das öffentliche Schreiben in konkrete Schritte umgesetzt wird, hängt davon ab, wie schnell die Diplomatie wirkt und wie stark die Koordination mit Partnern in der EU ist.
Quellen: öffentlicher Brief von V. Orbán; Beiträge von LIGA.net; Aussagen Brüssels zu den Energiereserven.