Am 12. April gewannen Peter Magyar und seine Partei „Tisza" die Wahlen in Ungarn mit 138 Sitzen von 199 im Parlament — 53,6% der Stimmen. Viktor Orbán, der das Land 16 Jahre lang führte, rief seinen Konkurrenten an und erkannte seine Niederlage an. Nach Angaben von Al Jazeera erhielt „Fidesz" nur 37,8%. Das ungarische Szenario wirkt wie ein Sieg proeuropäischer Kräfte — doch der ehemalige Außenminister Pavlo Klimkin warnt vor einer zu optimistischen Auslegung.
Orbán ist weg — die Struktur bleibt
Klimkin weist in seinem Kommentar für LIGA.net auf ein Detail hin, das leicht übersehen werden kann: Magyar ist ebenfalls ein rechtsgerichteter Politiker. Zum ersten Mal in Orbáns politischer Geschichte erhielt dieser eine Opposition aus dem rechten Spektrum statt aus dem linken oder liberalen. Das bedeutet, dass rechte Ansichten nicht aus der ungarischen Gesellschaft verschwunden sind — sie wurden lediglich zwischen zwei Parteien des rechten Flügels umverteilt.
Das größere Bild bestätigt diese Logik. Rechtsextreme Parteien gewinnen in 16 europäischen Ländern an Unterstützung — von Frankreich und Deutschland bis Österreich und den Niederlanden. Nach Angaben von NV verbinden die meisten dieser Kräfte eine Rhetorik gegen Migration, Euroskeptizismus und eine Position gegen Ausgaben für die Unterstützung der Ukraine.
«Die antiukrainische Welle von rechtspopulistischen Regierungen könnte sogar in Westeuropa wachsen. Die Länder mit dem größten Risiko sind Frankreich und Deutschland.»
— Forscher Petrov, VoxEurop
Die Carnegie Endowment stellt fest: Die überwiegende Mehrheit der radikal rechten Parteien verhält sich zur EU-Erweiterung kritisch — sie sieht sie als wirtschaftlich kostspielig und migrationsstimulierend an. Zu den konsequentesten Gegnern des Beitritts neuer Mitglieder gehören die französische RN, die niederländische PVV, die österreichische FPÖ und die deutsche AfD.
Für die Ukraine ist dies keine abstrakte Bedrohung. Entscheidungen über eine Mitgliedschaft werden einstimmig getroffen: ein einziges Veto reicht aus — und der Verhandlungsprozess stoppt. Orbán hat dies jahrelang demonstriert. Nach seinem Ausscheiden könnte es mehr potenzielle Blocker geben, nicht weniger.
Wirtschaftlicher Hintergrund: zwischen Stagnation und Rezession
Klimkin weist auch auf das Rezessionsrisiko in der EU hin. Wirtschaftliche Daten geben Grund zur Besorgnis. Der Chefvolkswirt von Goldman Sachs für Europa Sven-Jari Sten prognostiziert ein Wachstum der Eurozone von nur 0,8% im Jahr 2025 — gegenüber dem Bloomberg-Konsens von 1,2%. Das BIP Deutschlands wird nach dieser Prognose um 0,3% sinken, Frankreichs um 0,7%. Goldman Sachs bewertet die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Rezession in der Eurozone mit 30%.
EY warnt vor zusätzlichen Risiken: US-Zölle, Konkurrenz aus China, steigende Energiepreise und Unsicherheit aufgrund des Krieges in der Ukraine und im Nahen Osten. Unternehmen und Verbraucher verschieben Entscheidungen — und dies bremst bereits die Erholung.
Für die Ukraine ist der Zusammenhang direkt: über 55% der ukrainischen Ausfuhren gehen in die EU. Eine Verlangsamung in der Europäischen Union bedeutet einen Rückgang der Nachfrage nach ukrainischen Waren, eine Verringerung der Zolleinnahmen und Druck auf den Haushalt während des Krieges. Eine Rezession in Brüssel bedeutet weniger Geld und weniger politischen Willen zur Finanzierung der Erweiterung.
Was bremst, was beschleunigt
Gleichzeitig gibt es Druck zur Beschleunigung. Die Chefin des Auswärtigen Dienstes der EU, Kaja Kallas, erklärte im November, dass neue Beitritte bis 2030 möglich seien. Der Verhandlungsprozess mit der Ukraine läuft — trotz Krieg und inneren Widerständen einzelner Mitglieder.
Magyars Position nach seinem Sieg sieht so aus: Unterstützung für einen EU-Kredit für die Ukraine in Höhe von 90 Milliarden Euro — aber ohne beschleunigten Beitritt. „Die EU wird ein Land, das sich im Krieg befindet, nicht aufnehmen können", erklärte er, wie Telex berichtet. Ein ungarisches Referendum über die Mitgliedschaft der Ukraine bleibt auf seiner Agenda als finales Hindernis.
Statt eines Orbáns, der offen blockierte, erhält Kiew einen neuen Premierminister, der formal nicht blockiert, aber auch nicht unterstützt — und das Veto als Instrument behält.
Falls Rechtsextreme im nächsten Wahlzyklus in Regierungskoalitionen in Frankreich oder Deutschland eintreten, würde der Konsens über die EU-Erweiterung selbst eine formale Prüfung der Bewerbung der Ukraine bis 2030 überstehen?