Das Parlament Russlands hat in erster Lesung einen Gesetzentwurf angenommen, der der Armee das Recht einräumt, im Ausland Gewalt anzuwenden, angeblich zum Schutz russischer Bürger. Das Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation (CPD) beim Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat bewertet dies als Teil einer systematischen Kampagne zur psychologischen Vorbereitung der Bevölkerung auf einen möglichen bewaffneten Konflikt mit NATO-Ländern.
Die Logik des Dokuments ist einfach und zugleich gefährlich: Überall dort, wo sich ein russischer Bürger befindet – oder eine Person, der Moskau einen Pass ausstellen will – entsteht eine rechtliche Grundlage für eine Militäroperation. Genau nach diesem Schema funktionierte die „humanitäre" Rhetorik vor der Annexion der Krim 2014 und der Invasion im Donbass.
Das CPD stellt fest, dass russische Staatmedien in den letzten Monaten systematisch bei ihrem Publikum das Bild der NATO als unmittelbare Bedrohung für russische Bürger – im Baltikum, in Moldau, in Georgien – formen. Der Gesetzentwurf gibt dieser Rhetorik eine rechtliche Hülle.
Wichtiger Kontext: Russland hat ähnliche Mechanismen bereits eingesetzt. Das Gesetz von 2014 zum „Schutz von Landsleuten" war einer der formalen Begründungen für die Besetzung der Krim. Der aktuelle Gesetzentwurf erweitert die Geographie und hebt frühere Beschränkungen des Ausmaßes von Operationen auf.
Für die baltischen Länder und Polen, wo Hunderttausende von Personen mit russischen Pässen wohnen oder registriert sind, schafft das in dieser Form angenommene Gesetz einen ständigen Grund für eine Eskalation – auch ohne realen Zwischenfall.
Ob dieses Gesetz zum Druckinstrument gegen einzelne NATO-Staaten wird, hängt davon ab, ob das Bündnis bis zur abschließenden Lesung in der Duma eine klare Warnung formuliert, solange das Dokument noch als Signal und nicht als Beschluss eingestuft werden kann.