Am 4. Juni trafen sich die Innenminister der EU-Länder erstmals in Luxemburg, um eine Frage offiziell zu erörtern: ob der automatische vorübergehende Schutz für ukrainische Männer im Mobilisierungsalter nach März 2027 fortgesetzt werden soll. Beschlüsse wurden nicht gefasst. Doch die Positionen haben sich abgezeichnet.
Was Österreich vorschlägt
Österreichs Innenminister Gerhard Karner äußerte sich vor dem Treffen gegenüber der Welt: Ab März 2027 sollten Männer im Alter von 23 bis 60 Jahren keinen automatischen Schutz nach der EU-Richtlinie über vorübergehenden Schutz mehr erhalten. Das Argument basiert nicht nur auf österreichischen Interessen, sondern auch auf den Bedürfnissen der Ukraine selbst.
«Die Ukraine braucht ihre männlichen Bürger im wehrfähigen Alter»
Gerhard Karner, Österreichs Innenminister, — Welt
Nach Angaben von RBC-Ukraine haben mehrere Mitgliedstaaten diese Position unterstützt, darunter Zypern. Polen, das die zweitgrößte ukrainische Gemeinschaft nach Deutschland aufnimmt, hat ebenfalls Signale zur Unterstützung von Beschränkungen nach Brüssel gesendet. Österreich drängt auf schnelle Maßnahmen.
Was Brüssel sagt
Die Europäische Kommission hat eine vorsichtige Position eingenommen. Wie Radio Free Europe berichtet, bestätigte Corinne Ullrich, Vertreterin der Generaldirektion Migration: Die Mitgliedstaaten unterstützen im Allgemeinen die Fortsetzung des Schutzes nach 2027, aber möglicherweise mit Änderungen für neue Antragsteller. Diejenigen, die bereits unter Schutz in der EU stehen, werden ihren Status nicht verlieren.
Nach einem internen EU-Ratsdokument, das Euractiv einsehen konnte, wird unter den Optionen der «Ausschluss von Männern im wehrfähigen Alter» vom Geltungsbereich der Richtlinie erwogen – allerdings nur für diejenigen, die nach der Reform Schutz beantragen werden. Die Europäische Kommission plante, den Vorschlag im Frühjahr 2025 vorzubereiten.
Das Ausmaß: Was die Zahlen aussagen
Nach Angaben von Eurostat hatten im Februar 2026 etwa 1,42 Millionen ukrainische Männer im Alter von 18 bis 64 Jahren vorübergehenden Schutz in EU-Ländern. Dies ist ein Anstieg von fast 16% gegenüber dem Vorjahr. Die höchste Konzentration gibt es in Deutschland (312.000), Polen und Tschechien.
Zum Vergleich: Nach Schätzungen beträgt das Mobilisierungsreservoir der Ukraine in der Altersgruppe 25–60 Jahre etwa 3,7 Millionen Personen. Das heißt, jeder vierte potenzielle Wehrpflichtige befindet sich in der EU – und dies ohne Berücksichtigung derjenigen, die keinen offiziellen Status haben.
Ein zusätzlicher Faktor: Nach August 2025 erlaubte die Ukraine jungen Männern im Alter von 18 bis 22 Jahren die Ausreise. Sie würden unter mögliche neue Beschränkungen nicht fallen – Österreichs Altersgrenze beginnt bei 23 Jahren.
Der Preis des Mangels – von beiden Seiten
Die Diskussion in der EU findet vor dem Hintergrund einer akuten Arbeitsmarktkrise in der Ukraine statt. Nach Daten der Europäischen Geschäftsvereinigung berichteten 2025 74% der ukrainischen Unternehmen von Arbeitskräftemangel. Der Arbeitsvermittlungsdienst erhielt in den ersten 11 Monaten 2025 427.000 Vakanzen, konnte aber nur 63% davon besetzen.
«Der Mangel an Menschen mit technischen Fähigkeiten und Bildung ist katastrophal», sagte der Wirtschaftswissenschaftler Oleh Penzin der ukrainischen Redaktion von Radio Free Europe. Nach seinen Aussagen ist die Ukraine überfüllt mit Wirtschaftswissenschaftlern und Juristen, während es kritisch an Fahrern, Schweißern und Kesselführern mangelt. Der IWF prognostiziert eine Verlangsamung des ukrainischen BIP-Wachstums auf 2–3% im Jahr 2025 – und nennt den Arbeitsausfallmangel als einen der Schlüsselbremsfaktoren.
Andererseits wird die Rückkehr von Millionen von Flüchtlingen auch die empfangenden Länder treffen. Wie Reuters berichtet, riskiert Zentral- und Osteuropa erhebliche Lücken auf dem Arbeitsmarkt – bis zu 59% der ukrainischen Migranten in Befragungen gaben an, nach Kriegsende zurückkehren zu wollen.
EU-Kommissar für Inneres Magnus Brunner formulierte das Dilemma prägnant: «Vorübergehender Schutz ist – wie der Name vermuten lässt – vorübergehend. Wir brauchen einen nächsten Plan». Bisher gibt es keinen, weder in Brüssel noch in Warschau noch in Wien.
Wenn die Europäische Kommission tatsächlich vorschlägt, den Zugang zum Schutz für neue männliche Antragsteller zu schließen, anstatt nur darüber zu diskutieren – wird die Hauptfrage eine andere: Wird die Ukraine Anreize für eine freiwillige Rückkehr schaffen können, die stärker sind als die Angst vor Mobilisierung, während die Richtlinie noch gültig ist?