Sanchez gegen Brüssel: Warum der spanische Premierminister von „Doppelstandards" der EU spricht

Pedro Sánchez kritisierte die Europäische Union öffentlich für ihren unterschiedlichen Umgang mit der Ukraine und Israel. Nach seinen Worten wendet der Bloc unterschiedliche Maßstäbe auf ähnliche Situationen an – und dies untergräbt das Vertrauen in die europäische Außenpolitik.

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Прем’єр-міністр Іспанії Педро Санчес (EPA/GEORGE CHRISTOFOROU)

Spaniens Premierminister Pedro Sánchez hat die Konsistenz der Außenpolitik der Europäischen Union öffentlich in Frage gestellt. Seiner Aussage nach demonstriert die EU «Doppelstandards» in ihrem Umgang mit der Ukraine und Israel – und dies lässt sich nicht länger ignorieren.

Worum geht es bei der Kritik konkret

Sánchez verweist auf eine offensichtliche Asymmetrie: Wenn Russland in die Ukraine einfällt, reagiert Brüssel mit Sanktionen, finanzieller Unterstützung und einer Rhetorik über Völkerrecht. Dagegen führen Israels Aktionen im Gazastreifen – mit Tausenden von zivilen Opfern – nicht zu einer vergleichbaren Reaktion der EU. Spanien erkannte zusammen mit Norwegen und Irland den palästinensischen Staat bereits im Mai 2024 an – ein Schritt, den sich die meisten EU-Mitgliedstaaten nicht zu trauen wagten.

Sánchez' Position ist kein spontaner Ausbruch: Spanien übt systematisch Druck auf Brüssel aus und fordert eine Überprüfung der Beziehungen zu Israel, insbesondere des Assoziierungsabkommens. Spanische Sozialisten versuchen schon lange, die Unterstützung der Ukraine mit einer Kritik der israelischen Operation zu verbinden – und präsentieren dies als einheitliche Logik und nicht als Widerspruch.

Warum ist dies für die Ukraine wichtig

Auf den ersten Blick richtet sich Sánchez' Kritik gegen Israel. Doch tatsächlich berührt sie eine grundlegendere Frage: Inwieweit ist die EU in der Lage, ein zuverlässiger Akteur zu sein, wenn ihre Prinzipien von geopolitischer Opportunität abhängen?

Für die Ukraine hat dies eine praktische Dimension. Wenn sich Brüssel eine selektive Anwendung der Normen des Völkerrechts erlaubt – sogar unter Druck eines einzelnen Mitgliedstaates – schafft dies einen Präzedenzfall. Heute könnte die Diskussion über «Doppelstandards» den Konsens zur Unterstützung Kiews schwächen, wenn sich einige Länder entscheiden, dass die EU ohnehin keine einheitlichen Regeln befolgt.

Reaktion Brüssels

Die Europäische Kommission hat bisher nicht systematisch auf die Kritik von Sánchez reagiert. Einzelne Beamte erinnern daran, dass die Situationen grundlegend verschieden sind – Russland ist ein Aggressor gegen einen zukünftigen EU-Mitgliedstaat, während der Nahost-Konflikt in einem anderen rechtlichen Kontext betrachtet wird. Doch dieses Argument befriedigt die Kritiker zunehmend weniger.

Sánchez ist kein Außenseiter in der EU. Spanien ist die viertgrößte Wirtschaft der Eurozone, und seine Stimme im EU-Rat hat Gewicht. Wenn sich andere Mittelmeerländer der spanischen Position anschließen, könnte die Diskussion über «Standards» über die bloße Rhetorik hinausgehen.

Was kommt als nächstes

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Sánchez in seiner Kritik recht hat. Die Frage lautet anders: Wenn die EU ihre Kriterien für außenpolitische Entscheidungen nicht klar formuliert und öffentlich verteidigt – wird sie dann in der Lage sein, die Unterstützung der Ukraine als gemeinsames Projekt zu halten und nicht nur als eine Sammlung bilateraler Vereinbarungen mit unterschiedlichen Verbindlichkeitsstufen?

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