Kurz — warum es sich zu lesen lohnt
Was sich im ungarischen Vorwahlkampf abspielt, ist nicht nur eine innenpolitische Angelegenheit Budapests. Für die Ukraine ist das von direktem Interesse: Budapest verfügt über ein formelles Instrument, die Eröffnung von Verhandlungsclustern zu blockieren und den Beitrittsprozess zu verzögern. Wir analysieren Fakten und reale Folgen.
Die Haltung des ungarischen Elektorats
Nach Angaben des Analysezentrums Policy Solutions waren 2024 unter den Anhängern der Partei „Fidesz“ 69 % für engere Beziehungen zu Russland (im Vergleich zu 32 % unter den Anhängern der Opposition). Insgesamt zeigen Umfragen: 64 % der Ungarn sind gegen den EU-Beitritt der Ukraine, 31 % dafür. Auch die Wahrnehmung der Ukraine hat sich deutlich verschlechtert: 51 % nennen die Ukraine die größte Bedrohung, während Russland mit 46 % folgt.
Experten der Hungarian Europe Society konstatierten, dass sich binnen eines Jahres das Image der Ukraine im ungarischen Medienraum und im öffentlichen Diskurs verschoben hat – Kiew wurde zu einem bequemen Gegenpol für die Wahlmobilisierung.
Warum das geschah: eine Einordnung der Ursachen
Es gibt drei wesentliche Faktoren. Erstens macht Orbáns Innenkampagne aus außenpolitischen Fragen ein Mittel zur Mobilisierung des eigenen Wählers. Zweitens haben mediale Narrative die Ukraine zur „externen Bedrohung“ stilisiert, was bei Teilen der Wählerschaft Anklang findet. Drittens ist der politische Nutzen anti‑ukrainischer Rhetorik für die Regierungspartei offensichtlich: Sie konsolidiert die Basis und lenkt von wirtschaftlichen Problemen ab.
Was für die Ukraine auf dem Spiel steht
Die Folgen sind praktisch und operativ. Budapest kann weiterhin die Eröffnung einzelner Verhandlungscluster im europäischen Integrationsprozess blockieren. Das verzögert nicht nur symbolische Erklärungen, sondern konkrete technische und politische Schritte, die die Ukraine der Mitgliedschaft näherbringen.
Gleichzeitig erarbeitet Brüssel Druckoptionen gegen Ungarn: Laut Politico (10. Februar 2026) gehören zu den Ideen „beispiellose“ Maßnahmen, einschließlich des Verfahrens nach Artikel 7 des Vertrags über die Europäische Union, um Blockaden zu neutralisieren. Das schafft eine parallele Front – die europäische gegen die ungarische Position.
„Ein weiterer Kriegsplan Brüssels und Kiews – der Plan Selenskyjs“
— Viktor Orbán, Ministerpräsident von Ungarn
Mögliche Szenarien nach der Wahl
1) Gewinnt Orbán — könnte sich seine Rhetorik und seine institutionelle Vorgehensweise verschärfen. Das würde ein anhaltendes Blockieren einzelner Entscheidungen über die Ukraine und zusätzliche politische Hürden bedeuten.
2) Geht die Opposition als Sieger hervor — könnte sich die Haltung Ungarns abschwächen, doch Veränderungen würden nicht sofort eintreten. Die während des Wahlkampfs gebildeten gesellschaftlichen Stimmungen werden noch Monate oder Jahre nachwirken.
Ein weiterer Punkt, den ein ukrainischer Diplomat hervorhob: Sobald der Wahlkampf als Druckfaktor für Orbán wegfällt, kann im Verhandlungsprozess mehr Raum für Handel und Kompromisse entstehen – das ist jedoch eher ein mittelfristiges Szenario als eine schnelle Lösung.
Was die Ukraine tun sollte — Kurzplan
- Die diplomatische Front fortsetzen und parallel mit europäischen Institutionen arbeiten, um die Möglichkeit von Blockaden zu minimieren.
- An den formalen Punkten arbeiten, die Ungarn anspricht (Rechte nationaler Minderheiten), jedoch ohne Zugeständnisse, die nationale Interessen untergraben.
- Kommunikation für das europäische Publikum vorbereiten: zeigen, welche Vorteile die EU aus der Integration der Ukraine zieht und nicht nur die Risiken.
Fazit
Die ungarischen Wahlen sind nicht nur eine Entscheidung für Ungarn, sie sind ein geopolitischer Knotenpunkt für die Ukraine. Werden die europäischen Partner ihre Unterstützung in wirksame Schritte ummünzen, die die Blockade Budapests ausgleichen? Oder verzögern erneute politische Spielchen in der Region die Entscheidung um Jahre? Die Antwort hängt sowohl von der Diplomatie Kiews als auch von der Bereitschaft der EU ab, Einflussinstrumente einzusetzen.