Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, dass ukrainische Spezialisten direkt an der Zerstörung iranischer Kamikaze-Drohnen „Shahed" auf dem Territorium mehrerer Nahost-Staaten beteiligt waren. Nach seinen Worten teilt die Ukraine nicht nur Theorie – Fachleute arbeiten vor Ort und helfen den Partnern, ein vollständiges Luftabwehrsystem aufzubauen.
Dies ist die erste öffentliche Bestätigung eines solchen Niveaus operativer Präsenz der Ukraine außerhalb ihres eigenen Territoriums.
Warum dies wichtig ist
Die Ukraine hat in zweieinhalb Jahren Vollkrieg einzigartige Expertise angesammelt: Keine Armee der Welt hat so viel Erfahrung mit der Massenabwehr von „Shaheds" unter echten Kampfbedingungen. Allein 2024 schoss die ukrainische Luftverteidigung Tausende solcher Drohnen ab – nachts, unter Bedingungen elektronischer Kriegsführung, in dichter Bebauung.
Die Länder des Persischen Golfs, Israel und andere Akteure der Region sind mit derselben iranischen Waffe konfrontiert – und sehen Kiew als Wissensquelle an, die kein NATO-Ausbildungszentrum bieten kann.
Was genau die Ukrainer tun
Selenskyj offenbarte weder die Namen der Länder noch Details der Operationen – was angesichts der diplomatischen Empfindlichkeit verständlich ist. Aber die Tatsache, dass der Präsident darüber öffentlich spricht, zeigt: Kiew positioniert diese Expertise bewusst als exportierten Vermögenswert, nicht nur als stille Geste des guten Willens.
Es geht um zwei Dimensionen: taktisch – direkte Beteiligung an der Abwehr – und systemisch – Beratung beim Aufbau der Luftverteidigungsarchitektur. Beide kosten Geld und politische Verpflichtungen.
Austausch oder Wohltätigkeit
Hier entsteht echte Spannung. Nahost-Partner erhalten kritisch wichtige Expertise. Was erhält die Ukraine? Selenskyj spricht von „Aufbau von Partnerschaften" – eine Formulierung, die breit genug ist, um alles und nichts Konkretes zu beinhalten.
Öffentlich hat keine der Länder der Region eine Lieferung von Waffen oder finanzielle Entschädigung angekündigt, die direkt mit dieser Zusammenarbeit verbunden ist. Einige Golfstaaten balancieren immer noch zwischen dem Westen und Moskau – und gewinnen Zeit, indem sie ukrainisches Wissen erhalten.
Die iranische Dimension
Für Teheran ist dies aus mehreren Gründen unbequem. Erstens sind „Shaheds" eines der wichtigsten Exportprodukte des iranischen Rüstungskomplexes und ein Instrument des regionalen Einflusses durch Proxys. Zweitens beschleunigen ukrainische Fachleute, die abgeschossene Muster analysieren und Abwehrtaktiken unter verschiedenen geografischen Bedingungen entwickeln, faktisch die Entwertung dieser Waffe.
Jeder abgeschossene „Shahed" im Nahen Osten ist Daten. Daten über Flugbahnen, Höhen, Flugmodi, Reaktion auf elektronische Kriegsführung. Diese Daten kehren in die Ukraine zurück.
Ausmaß des Phänomens
Hinter einer oberflächlichen Präsidentenaussage steckt eine strukturelle Verschiebung: Ein Land, das um sein Überleben kämpft, ist zum Exporteur von Sicherheitsexpertise geworden. Dies ändert seine Position in Verhandlungen – nicht als Hilfesucher, sondern als Lieferant unverzichtbarer Waren.
Die Frage ist, ob Kiew in der Lage ist, diesen Vermögenswert in konkrete Verpflichtungen umzuwandeln – Waffen, Sanktionsdruck auf Russland, Stimmen in internationalen Institutionen – oder ob Nahost-Partner weiterhin Expertise erhalten werden und eine komfortable Neutralität bewahren.