Leises Zurückhalten statt öffentlicher Vorwürfe
Die Financial Times berichtet unter Berufung auf Gesprächspartner, dass die Europäische Kommission ihre Rhetorik gegenüber Premier Viktor Orbán deutlich entschärft hat und sogar die Möglichkeit prüft, der ungarischen Regierung kurz vor den Parlamentswahlen neue Mittel bereitzustellen. Laut Quellen befürchtet die EU, dass öffentliche Kritik als Argument für eine „Einmischung“ in den innerstaatlichen Wahlkampf genutzt würde.
Mechanik der Entscheidung – warum das geschieht
Die Entscheidung wird mit Pragmatismus erklärt: Die Institutionen wollen nicht, dass irgendein Schritt als äußerer Einfluss auf den Willensbildungsprozess interpretiert wird. Hinzu kommt ein juristischer Hintergrund – ein jüngstes Urteil des EuGH hat eine frühere Entscheidung zur Freigabe von rund 10 Mrd. Euro in Frage gestellt, und insgesamt bleiben rund 17 Mrd. Euro für Budapest wegen Fragen der Rechtsstaatlichkeit weiterhin eingefroren.
"Einige Monate vor solch historischen, entscheidenden Wahlen ... kamen sie zu dem Schluss, dass es am besten ist, nichts zu tun. Die Kommission sichert sich ab, und das ist völlig in Ordnung."
— ein ungarischer Beamter, Gesprächspartner der FT
Parallel dazu agieren im Informationsraum kremlfreundliche und nationalistische Netzwerke: Das Analysezentrum des Mathias Corvinus hat das „Observatorium für Einmischung in die Demokratie“ gestartet, das die Rolle EU‑Institutionen in nationalen Wahlen überwacht. Unter diesen Bedingungen droht jede öffentliche Äußerung, zu einem politischen Werkzeug zu werden.
Position der EU: Druck oder Zurückhaltung?
In der Europäischen Kommission scheint man die Taktik zu verfolgen, das Risiko einer Eskalation zu minimieren. Quellen der FT sagen, dass dies auch dem Wunsch geschuldet sei, die Fähigkeit zum Dialog mit Budapest in Fragen von gesamt‑europäischem Interesse zu bewahren – vor allem bei finanziellen Mechanismen sowie hinsichtlich der Einheit in Fragen von Sanktionen und Hilfe für die Ukraine.
"Es ist klug, dass die Kommission keine groß angelegten Erklärungen gegenüber den Ungarn abgibt, um nicht das Risiko einzugehen, als wahlbeeinflussend dargestellt zu werden."
— ein EU‑Diplomat, Gesprächspartner des Beitrags
Was das für die Ukraine bedeutet
Für die Ukraine hat das mehrere praktische Folgen. Erstens schwächt die Reduzierung des Drucks auf Orbán die externen Einflussmöglichkeiten auf Budapest in Fragen von Blockaden und Vetos gegen Hilfe und Integration der Ukraine. Zweitens könnte die Möglichkeit, vor den Wahlen rund 2,4 Mrd. Euro bereitzustellen, zu einem politischen Trumpf für Orbán werden, der sich bereits gegen militärische Unterstützung der Ukraine gestellt hat und Moskau nahe steht.
Auch die Dynamik des Wahlkampfs ist wichtig: Umfragen deuteten darauf hin, dass die Oppositionspartei „Tysa“ unter der Führung von Péter Magyar Fides etwa um rund zehn Punkte überholt — das macht die Wahlen unvorhersehbar. Magyar selbst betonte in seiner Rede:
"Der Platz Ungarns ist in Europa, nicht nur, weil wir Europa brauchen, sondern weil Europa uns braucht."
— Péter Magyar, Vorsitzender der Partei Tysa
Auch politische Instrumente außerhalb der EU sind im Spiel: Am 27. Januar berief Ungarn den ukrainischen Botschafter ein und warf Kiew angebliche Einmischung in die Wahlen vor, worauf die Ukraine gespiegelt reagierte. Am 5. Februar unterstützte Donald Trump Orbán – ein Zeichen, dass das Thema über Europa hinausreicht.
Fazit: Was es zu beobachten gilt
Die EU wählt die Strategie der Zurückhaltung, doch das bedeutet nicht, dass die Probleme verschwinden. Zentrale Indikatoren für die Ukraine sind: das Ergebnis der Wahlen am 12. April, die Entscheidungen des EuGH zu Finanzfragen, der Stand der Ermittlungen zu Versuchen, Beamte anzuwerben, und weitere Signale von transatlantischen Partnern. Zum Schutz nationaler Interessen ist es wichtig, dass Diplomatie und Unterstützung der Ukraine durch Partner nicht von kurzfristigen politischen Spielchen in Budapest abhängig gemacht werden.
Jetzt sind die Partner am Zug: Erklärungen müssen in konkrete Hilfsmechanismen und Garantien münden, die nicht durch politische Konjunkturen unterlaufen werden können.