Rob Bauer — niederländischer Leutnant-Admiral im Ruhestand, der vier Jahre lang (2021–2025) das Militärkomitee der NATO leitete und in dieser Zeit erlebte, wie das Bündnis die größte Umwandlung seit dem Kalten Krieg durchlief. Am 24. April trat er als Privatperson auf dem Kyiv Security Forum auf — und erlaubte sich eine Offenheit, die er in seiner Position nicht öffentlich hätte zeigen können.
Was er sagte — und warum es mehr als nur Rhetorik ist
Bauer stellte die Frage der gesellschaftlichen Widerstandsfähigkeit in den Mittelpunkt der Diskussion über die Vorbereitung auf eine mögliche russische Aggression. Seine These: Der Westen verschwendet Energie nicht auf die Steigerung der Produktion, sondern darauf, seine eigenen Bürger davon zu überzeugen, dass dies überhaupt notwendig ist.
„Ich halte es für Idiotie, dass wir im fünften Jahr des Krieges in unseren Gesellschaften noch immer debattieren müssen, ob wir in die Rüstungsindustrie investieren müssen".
Rob Bauer, ehemaliger Vorsitzender des NATO-Militärkomitees, Kyiv Security Forum, 24. April 2025
Das Wort „Idiotie" ist kein rhetorisches Stilmittel. Bauer setzte sich jahrelang für das Konzept der „whole-of-society" security ein: Sicherheit als Aufgabe nicht nur der Armee, sondern der gesamten Gesellschaft — von Bürgern bis zum Geschäftsleben. Nach seinen Worten wird ohne gesellschaftlichen Konsens kein Rüstungsausbau nachhaltig sein: Parlamente blockieren Budgets, Wähler stimmen gegen Ausgaben, Medien rahmen Rüstungsausgaben als Geld „für den Krieg" ein, nicht „gegen den Krieg".
Zahlen, die Bauers Worte in einen Kontext setzen
Im Jahr 2025 überschritten alle NATO-Verbündeten zum ersten Mal die Schwelle von 2% des BIP, und europäische Bündnismitglieder zusammen mit Kanada erhöhten die Rüstungsausgaben um 20% gegenüber dem Vorjahr — wie der Atlantic Council feststellte. Das sah nach Fortschritt aus. Aber Bauer präzisierte in einem Interview mit DW auf dem Rande desselben Forums einen grundlegenden Unterschied: Geld auszugeben und Produktionskapazitäten auszubauen sind nicht dasselbe. Fünf Jahre nach Beginn der großflächigen Invasion ist Europa nicht auf das Produktionstempo für Munition und Ausrüstung gestoßen, das dem Verbrauchstempo an der Front entspricht.
Parallel dazu bemerkte Bauer: Die Ukraine kann die Frontlinie halten, aber bei der derzeitigen Unterstützungsebene — nicht unbedingt gewinnen. Das ist keine Bewertung des Kampfgeistes, sondern die Arithmetik der Logistik.
Warum „gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit" kein weiches Thema ist
Das Konzept, das Bauer fördert, hat eine konkrete Dimension: Wenn die Gesellschaft von der Bedrohung nicht überzeugt ist, wählt sie Parlamentarier, die Rüstungsbudgets kürzen. Genau das geschah in den meisten NATO-Ländern nach 1991 — und deshalb stellte sich 2022 heraus, dass die Lager leer und die Produktionslinien stillgelegt oder umgewidmet waren.
- Die Niederlande (Bauers Land) reduzierten nach dem Kalten Krieg die Armee jahrzehntelang — und brauchten dann Jahre, um grundlegende Fähigkeiten wiederherzustellen.
- Deutschland kündigte im Februar 2022 eine Zeitenwende an, aber die ersten echten Verträge mit der Industrie erschienen viel später.
- Frankreich und Großbritannien diskutieren immer noch über das Tempo der Steigerung der Artilleriemunitionsproduktion.
Bauer beschreibt dies als strukturellen Fehler von Demokratien in Krisenzeiten: Entscheidungen werden langsamer getroffen, als sich die Bedrohung entwickelt. Autoritäre Systeme haben diese Einschränkung nicht — und genau das nutzte Putin 2022 aus und rechnete mit einem „Blitzkrieg" gegen einen unvorbereiteten Westen.
Was kommt als nächstes
Bauer ist nicht mehr im Amt und daher nicht an diplomatisches Protokoll gebunden. Sein Buch „If You Want Peace, Prepare for War" erscheint 2025 — und die Tatsache, dass er es jetzt schreibt, nicht in zehn Jahren, zeigt, wie kritisch er den Moment einschätzt.
Die offene Frage bleibt: Wenn gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit wirklich eine Bedingung für eine nachhaltige Rüstungsindustrie ist — wer und wie baut sie in Ländern auf, in denen das Thema Verteidigung immer noch als Ausgabe wahrgenommen wird und nicht als Investition in die eigene Existenz? Und wird es in der NATO einen konkreten Mechanismus zur Messung dieser Widerstandsfähigkeit geben — ähnlich wie die 2% des BIP gemessen werden — bevor die nächste Krise die Frage zur Rhetorik macht?