Jedes Jahr mit Beginn des Herbstes stellt sich die gleiche Frage: Wird das Energiesystem standhalten? Diesen Winter ist die Antwort komplizierter als ein einfaches „Ja" oder „Nein". Denn beide Seiten der Gleichung haben sich verändert – sowohl die Widerstandskraft der Infrastruktur als auch der Charakter der Bedrohung.
Was sich in der Energiewirtschaft verändert hat
Nach Aussage des Energieexperten des Ukrainischen Instituts für die Zukunft Stanislav Ignatjew hat die Ukraine die Vorbereitung auf die Wintersaison bereits im Sommer begonnen – Dezentralisierung der Stromerzeugung, Reservequellen, Reparatur beschädigter Knotenpunkte. Die Regierung hat einen separaten Maßnahmenkatalog für eine stabile Stromversorgung in der Herbst-Winter-Saison 2025/26 genehmigt, der eine ausgewogenere Lastverteilung und die Nutzung von Reservekapazitäten vorsieht.
Gleichzeitig ist nach Einschätzung des Ministeriums für Energie der Bedarf an Wiederherstellung der Stromerzeugung weiterhin kritisch: Über 10 GW Kapazität wurden bislang nicht wiederhergestellt, und es werden etwa 3 GW neue dezentrale Systeme benötigt. Selbst unter Berücksichtigung von Importen und Solarstromerzeugung bleibt das System anfällig für Engpässe an den frostigen Spitzentagen.
„Es gibt überall Licht, das Energiesystem ist ausgeglichen, es gibt keine Stromausfälle" – aber das ist ein Sommerbild. Der Winter ist ein anderer Stresstest.
Alexander Kowalenko, Militär- und Politikkommentator der Gruppe „Informationswiderstand"
Neue Taktik: nicht stärker, sondern intelligenter
Die Hauptveränderung auf russischer Seite ist nicht nur die Menge an Raketen, sondern die Art ihrer Anwendung. Nach Kovaelnkos Einschätzung hat der Gegner in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 ein System kombinierter Angriffe perfektioniert: gleichzeitiger Einsatz von Kamikaze-Drohnen, Marschflugkörpern mit komplexer Flugbahn und schneller Ballistik – um die Radarerfassungssysteme der Luftverteidigung zu überlasten.
Der Umfang solcher Wellen – bis zu 500+ unbemannten Luftfahrzeugen und mehreren Dutzend Raketen – ermöglicht es, sie ungefähr einmal pro Woche oder alle anderthalb Wochen zu wiederholen. Nach Angaben des GUR ermöglichen die Produktionstempo des russischen Rüstungssektors die Lieferung von etwa 60 ballistischen Raketen vom Typ „Iskander" pro Monat. Das ISW bestätigt: Das aktuelle Produktionstempo der russischen Ballistik übersteigt bereits das Herstellungstempo der amerikanischen Patriot-Abfangraketen.
Warum Ballistik zum wichtigsten Instrument wurde
Ein besonderes Problem wurde die verspätete Warnung. Wie Kowalenko erklärt, werden massive Raketenstarts von Infrarotsatelliten erfasst, und der Start der Tu-95MS-Trägerflugzeuge wird von AWACS verfolgt. Dagegen bleiben einzelne ballistische Starts immer häufiger unbemerkt – genau sie wurden in den Jahren 2025–2026 zum Instrument gezielter Schläge gegen Städte: Die Sirenen ertönen bereits nach den Explosionen.
Für die Energieinfrastruktur bedeutet dies minimale Zeit für eine vorbeugende Abschaltung empfindlicher Ausrüstung – und damit ein höheres Risiko für irreversible Schäden an Transformatorknotenpunkten.
Was die Ukraine wirklich vorbereitet
- Aufbau dezentralisierter Stromerzeugungsquellen – damit ein gezielter Schlag nicht die ganze Region lahmlegt
- Redundanz kritischer Knotenpunkte und mobile Transformatorenstationen
- Maßnahmen des Kabinetts zur Umverteilung der Last in Spitzenlastzeiten
- Persönliche Bereitschaft der Bevölkerung: geladene Powerbanks, Wasservorrat, autonome Heizung
Kowalenko betont besonders: Es geht nicht um einen Blackout als solchen, sondern um ein kontrolliertes Defizit – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass neue Angriffe nicht gleichzeitig mehrere große Knotenpunkte lahmlegen.
Die Vorhersage hängt von einem konkreten Faktor ab: Wird die Ukraine bis Dezember einen ausreichenden Vorrat an Abfangraketen für Patriot-Systeme erhalten – wenn nicht, werden kombinierte Angriffe im Winter eine deutlich höhere Durchbruchsquote haben, und dann könnte die Widerstandskraft, die ein Jahr lang aufgebaut wurde, in wenigen Nächten zerstört werden.