Bis zum Frühjahr 2022 deckte ein einziges Unternehmen – das staatliche „Artemsal" in Soledar – etwa 90% des ukrainischen Salzbedarfs und galt als der größte Hersteller in Osteuropa. Nachdem die Stadt zum Zentrum der Kampfhandlungen wurde und die Fabrik stillstand, stieg der Salzimport in die Ukraine um das Fünffache, und die Preise stiegen um das 8–9fache. Meersalz aus Ägypten und der Türkei füllte die Regale, konnte aber nicht alle Anforderungen erfüllen: Es war nicht immer zum Einmachen geeignet, und die Ukrainer spürten dies im Alltag.
Vier Jahre später gibt Tschornomorsk, eine Hafenstadt bei Odessa, die erste systematische Antwort auf diese Lücke. Seit Mitte Mai 2026 läuft das Chornomorsk-Salzwerk in voller Kapazität – nach mehreren Monaten Verzögerungen durch ungewöhnliche Fröste, Stromausfälle und Probleme mit türkischen Subunternehmern.
„Seit Mitte Mai produzieren wir auf der Hauptlinie: Speisesalz verschiedener Körnungen sowie in verschiedenen Verpackungsformen – in 25-kg-Säcken, Big-Bags und auch als Schüttgut. Man kann sagen, dass alle Kapazitäten des Unternehmens nun bereits in Betrieb sind".
Vitali Rudenko, Geschäftsführer des Chornomorsk-Salzwerks, für RBK-Ukraine
Das Werk ist das erste in der Ukraine, das importierte Rohstoffe (überwiegend aus der Türkei und Ägypten) vor Ort zu fertigem Speisesalz verarbeitet. Die Technologien wurden gemeinsam mit Fachleuten des ehemaligen „Artemsal" und dem türkischen Unternehmen Salt Plus entwickelt: mehrere Stufen der Tiefenreinigung, Zerkleinerung und eine einzigartige Trocknungsmethode. Die Kapazität beträgt 15.000 Tonnen pro Monat, was theoretisch etwa die Hälfte der inländischen Nachfrage nach Speisesalz deckt.
Import als Rohstoff – vorübergehend
Ein wichtiges Detail: Das Werk verarbeitet derzeit importiertes Salz, statt es selbst abzubauen. Die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten bleibt also bestehen – nur die Form ändert sich: Statt eines Fertigprodukts aus dem Ausland wird Rohstoff transportiert. Dies senkt die Kosten für den Endverbraucher, beseitigt aber nicht das Risiko von Unterbrechungen in der Lieferkette.
Der strategische Plan ist anders. Das Werk liegt neben der Kujalnyzkyj-Limane, wo der Salzgehalt ein kritisches Niveau erreicht hat – bedrohlich für Heilschlamm und das Ökosystem insgesamt. Der Plan sieht vor, dass das Unternehmen Salz direkt aus der Limane durch Beckenausfällung abbauen wird – auf die gleiche Weise wie in den USA, Spanien und der Türkei. Dieser Ansatz reduziert die Versalzung und liefert gleichzeitig Rohstoffe ohne Import. Schätzungen zufolge kann der Kujalnyk bis zu 200.000 Tonnen Salz pro Jahr liefern – was das gesamte Lebensmittelsegment des Landes decken würde.
- Investitionen in das Projekt – 2,8 Millionen USD über das staatliche Programm „5-7-9%"
- Der Bau begann 2024, die Inbetriebnahme war für Januar 2026 geplant – die Verzögerung betrug 4–5 Monate
- Das Werk bietet bereits etwa 50 Arbeitsplätze
- Das Terebljanske-Salzfeld in der Südukraine – der zweite Player der Erneuerung – hat nach einem Unternehmenskonflikt die Förderung wieder aufgenommen und liefert Industriesalz
Nach Angaben des Zollamtes fiel der Salzimport in die Ukraine in der ersten Jahreshälfte 2025 um fast 46% – aber nicht weil es eigene Produktion gibt, sondern wegen rückläufiger Verbrauchs und Erwartung inländischer Produkte. Der Preis ist in diesen Jahren um 24% gestiegen: von 29 auf 36 Hrywnja/kg und wird sich in absehbarer Zeit wohl nicht auf das Vorkriegsniveau zurückbewegen.
Der echte Test für das Chornomorsk-Salzwerk wird kommen, wenn das Unternehmen von der Verarbeitung importierter Rohstoffe zum eigenen Abbau aus der Kujalnyk übergeht – falls dies geschieht, würde sich die Abhängigkeitsstruktur grundlegend ändern. Falls nicht, hat die Ukraine eine neue Verarbeitungsstufe, aber die gleiche Abhängigkeit von türkischen und ägyptischen Rohstofflieferanten.