20 Jahre, Korruptionsskandal und chinesische Züge: Astana startet endlich das unbemannte LRT

Am 16.–17. Mai wird in der kasachischen Hauptstadt die erste vollautomatische Hochbahn Zentralasiens eröffnet – nach zwei Jahrzehnten Bauarbeiten, Verurteilungen im Zusammenhang mit Korruption und einem eingefrorenen Projekt, das zur urbanen Meme geworden ist.

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Фото: міська адміністрація Астани

Betonstützen in Y-Form standen in Astana über zehn Jahre lang ohne eine einzige Schiene oben drauf. Einheimische nannten sie ein „Denkmal der Korruption" — und lagen damit nicht falsch: 2021 verurteilte ein Gericht den ehemaligen stellvertretenden Bürgermeister und Projektleiter zu 7–10 Jahren Haft wegen Unterschlagung. Nun tragen eben diese Stützen 22,4 Kilometer Gleise, auf denen ab 16.–17. Mai die ersten Fahrgäste fahren werden.

Von Nasarbajews Idee zu chinesischen CRRC-Wagen

Die Idee eines Leichtschienensystems im damaligen Akmola wurde bereits 2005 in den Stadtentwicklungsplan aufgenommen — auf persönliche Anweisung des ersten Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Der Bau startete 2011 mit dem Abgabetermin 2020. 2013 wurde das Projekt wegen der Kosten eingefroren, die weder begründet noch öffentlich erläutert werden konnten oder wollten. Zwei Jahre später stellte sich heraus, warum: Das Geld wurde unterschlagen.

Der Neustart erfolgte mit einem anderen Auftragnehmer. Die Züge liefert die chinesische Konzern CRRC — der weltweit größte Hersteller von Schienenfahrzeugen. Auf der Strecke werden 19 vierteilige Zuggarnituren mit je 60 Metern Länge verkehren, jede mit über 600 Plätzen. Fünfzehn werden im regulären Umlauf eingesetzt, vier als Reserve.

GoA4: Was bedeutet das in der Praxis

Das System erhielt die Zertifizierung für die höchste Automatisierungsstufe GoA4. Der Zug steuert Beschleunigung, Bremsung, Türöffnung und Einhaltung der Fahrtintervalle selbstständig. Es gibt keinen Lokomotivführer vor Ort — nur ein Betriebszentrum im über 16 Hektar großen Betriebshof neben dem Flughafen.

„Wir planen, dass die Arbeiten in den nächsten zwei Monaten vollständig abgeschlossen sein werden, und wir werden die Stadtbahn im Betriebsmodus in Dienst stellen".

Bürgermeister von Astana Scheinis Kassimbek, Dezember 2024

Testfahrten ab September 2024 erfolgten schrittweise: zunächst zwischen zwei Stationen mit 10 km/h, dann schrittweise Steigerung auf die Betriebsgeschwindigkeit von 60 km/h (Höchstgeschwindigkeit — 80 km/h).

Route und Fahrkarten

  • 18 Stationen: 11 oberirdische und 7 Hochbahnstationen — vom Flughafen zum Bahnhof „Nurly Schol"
  • Unter den Haltestellen — „Baiterek", „Astana Arena", „Nationalmuseum", „Ministerien"
  • Schrägseilbrücke über den Fluss Ischim mit einer Länge von 155 Metern — Teil der Strecke
  • Fahrkartentarif: 200 Tenge (~0,4 USD)
  • Plattformtüren mit Schiebemechanismus verhindern das Betreten der Gleise

Die Kapazität des Systems beträgt über 2.400 Fahrgäste pro Fahrt mit allen Zügen zusammen. Informationen werden in drei Sprachen bereitgestellt: Kasachisch, Russisch und Englisch.

Zwanzig Jahre — ist das ein Strafurteil oder Standard?

Zum Vergleich: Die Londoner Elizabeth Line wurde 13 Jahre lang gebaut und erlebte ebenfalls Skandale mit Kostenüberschreitungen. Der Unterschied liegt in der Rechenschaftspflicht: Die britischen Parlamentsanhörungen waren offen, das kasachische Strafverfahren wurde nach den Urteilen eingestellt, ohne den vollen Umfang der Unterschlagungen offenzulegen.

Die Stadtbahn Astanas wird ohne veröffentlichte Finanzprüfung der abschließenden Bauphase eröffnet. Wenn die Stadtverwaltung möchte, dass dieser Start als Infrastrukturerrfolg und nicht als Sieg über eigene bisherige Versäumnisse wahrgenommen wird — sollte der nächste Schritt ein öffentlicher Bericht sein: Was hat der Neustart gekostet und wer hat ihn finanziert. Bis dahin sind 200 Tenge für eine Fahrkarte ein Fahrkartentarif, aber keine Antwort.

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