31 Milliarden Kubikmeter unter der Erde: Die USA wollen die Ukraine zum Gaspuffer für Europa machen

Der Senior-Berater des US-Energieministeriums Andy Repp bezeichnete ukrainische Untergrundgasspeicher als „Swing Bridge" — als Verbindungsglied in der Gasversorgung Zentral- und Westeuropas. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine konkrete Architektur: amerikanisches Flüssigerdgas über polnische Terminals — und in ukrainische Untergrundlagerstätten zur Speicherung.

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Фото: Енергетичний фронт

Als Andys Repp, Seniorberater des US-Energieministers, bei einem Pressebriefsing den Begriff swing bridge — „Verbindungsglied" — in Bezug auf die Ukraine verwendete, beschrieb er keine Metapher, sondern eine Infrastrukturlogik. Die Ukraine verfügt über 31,95 Milliarden Kubikmeter aktive Kapazität unterirdischer Gasspeicher — mehr als jedes andere Land Europas und Platz drei weltweit nach den USA und Russland.

Wie das funktionieren soll

Das Schema, das in Washington vorangetrieben wird, erfordert zunächst keine neue Terminalanlage an der ukrainischen Küste — zumindest nicht in der ersten Phase. Amerikanisches verflüssigtes Gas (LNG) kommt nach Polen — insbesondere zum Terminal in Swinemünde — wird reregasifiziert und gelangt dann per Pipeline zu den ukrainischen Untergrundlagern im Westen des Landes. Im Sommer — Speicherung, im Winter — Entnahme und Verteilung an die Länder Zentral- und Westeuropas.

Dieses Modell funktioniert bereits teilweise. Nach Angaben des Betreibers des Gastransportsystems der Ukraine lagern derzeit etwa 10 Milliarden Kubikmeter Gas von Kunden aus 21 Ländern in den Speichern, darunter aus den USA, Großbritannien und Frankreich. Die Kapazität ist zu etwa 90% ausgelastet.

„Die Ukraine könnte potenziell jährlich 6–8 Milliarden Kubikmeter amerikanisches LNG über polnische Terminals für den Weitertransport in europäische Länder erhalten"

Otto Waterlander, Betriebsdirektor von Naftogaz

Waterlander, der 30 Jahre Erfahrung in der Öl- und Gasindustrie hat und seine Karriere bei Royal Dutch Shell begann, weist auf den grundlegenden Vorteil dieses Schemas hin: es erfordert keine zusätzlichen Infrastrukturinvestitionen — im Gegensatz zum Bau eines neuen LNG-Terminals. Die ukrainischen Speicher sind bereits mit dem europäischen Gastransportnetz verbunden.

Warum das Washington nützt

Nach Aussagen von Repp war die Antwort auf die Frage zum Bau eines LNG-Terminals direkt in der Ukraine vorsichtig: Der Berater schloss dieses Szenario nicht aus, betonte aber die Rolle der bereits vorhandenen Speicherinfrastruktur. Die amerikanische Seite interessiert sich für die Ukraine als Absatzmarkt: Die USA sind der weltweit größte Exporteur von verflüssigtem Gas und planen, die Verkaufsmengen bis Ende des Jahrzehnts zu verdoppeln.

Kiew hat seinerseits bereits eine zweite Vereinbarung zum Kauf von amerikanischem LNG abgeschlossen. Nach Angaben des Außenministeriums hatte Außenminister Andrij Sybiha seinen Partnern bereits früher das Konzept der Nutzung ukrainischer Speicher für amerikanisches Gas als Instrument zur Verringerung der Energieabhängigkeit der EU von Russland vorgeschlagen. Alle Rohrleitungslieferungen von russischem Gas durch die Ukraine wurden Anfang 2025 eingestellt.

Was in den offiziellen Mitteilungen nicht berücksichtigt wird

Eine Schlüsselfrage, die in keiner offiziellen Mitteilung gestellt wurde: Wer versichert die Infrastruktur unter welchen Bedingungen während aktiver Kampfhandlungen? Die meisten Speicher befinden sich im Westen des Landes — relativ weit entfernt von der Frontlinie — doch massive Anschläge auf die Energieinfrastruktur im Herbst 2025 veranlassten Naftogaz, die Gewinnungsprognosen um 30% nach unten zu korrigieren. Kommerzielle Kunden aus 21 Ländern lagern bereits Gas in der Ukraine, daher gibt es bisher keine Marktsignale für ein übermäßiges Risiko.

  • Speicherkapazität: 31,95 Mrd. m³ aktives Gas — größte in Europa
  • Ausländische Kunden: ~10 Mrd. m³ von Kunden aus 21 Ländern bereits jetzt
  • Route: USA → LNG-Terminal in Polen → Reregasifizierung → ukrainische Untergrundlager → Zentral- und Westeuropa
  • Alternative: eigenes Terminal der Ukraine am Schwarzen Meer — eine Variante, aber mit anderem Zeitrahmen und Kapitalaufwand

Wenn Washington und Brüssel eine Vereinbarung über die Nutzung ukrainischer Speicher als Puffer bis zur nächsten Heizperiode formalisieren — würde dies die Ukraine vom Transitland zum Betreiber einer europäischen Gasreserve umwandeln. Doch wenn der Versicherungsmechanismus für Kriegsrisiken beim ausländischen Gas in der ukrainischen Untergrundanlage ungeregelt bleibt, wird sich das kommerzielle Ausmaß des Schemas nicht an die Speicherkapazität, sondern an die Grenze des Vertrauens stoßen.

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