An den Tankstellen von Gazpromneft in Moskau gilt nun eine neue Regel: maximal 30 Liter Benzin oder 60 Liter Diesel pro Besuch. In Kanister wird nicht getankt. An Autobahnrastätten ist das Diesellimit breiter – bis zu 200 Litern, aber dies betrifft vor allem Fernfahrer. Lukoil hat ähnliche Beschränkungen an mehreren Moskauer Standorten eingeführt.
Die offizielle Erklärung lautet: Bekämpfung von „künstlichem Mangel und Spekulation". Der wahre Grund ist ein anderer.
Kapotnja ernährt Moskau nicht mehr
Die Moskauer Raffinerie in Kapotnja – der größte Treibstofflieferant für die Hauptstadtregion – wurde von ukrainischen Drohnen getroffen. Nach Angaben von Reuters wird das Werk mindestens bis Ende 2026 ausfallen. Dies ist kein Notfalleinsatz – es ist ein anhaltender struktureller Engpass in der Versorgung.
Der unabhängige Analyst des Öl- und Gasmarktes Boris Aronschtein nannte die Folgen der Anschläge „die schwerwiegendste Krise der letzten Jahre" und wies darauf hin, dass das Ausmaß, die Koordination und wiederholte Anschlagswellen es Russland unmöglich machen, die Raffinerie vor dem nächsten Anschlag zu reparieren.
Moskau – nicht die Ausnahme, sondern das Epizentrum
Russland erlebt den schlimmsten landesweiten Treibstoffmangel seit vielen Jahren: mindestens 17 Regionen haben obligatorische Beschränkungen für den Benzin- und Dieselverkauf eingeführt, Dutzende weitere berichten von Engpässen oder freiwilligen Limits privater Netze.
Nach Wikipedia-Angaben reduzierten Anschläge an einzelnen Tagen das Ölraffineriesvolumen in Russland um fast ein Fünftel und verringerten den Export aus wichtigen Häfen.
Die regionale Lage sieht wie folgt aus:
- Krim – erste Region, in der Benzin AI-92 verschwand, und die Preise für alle Treibstoffsorten stiegen um 50–90 Kopeken pro Liter.
- Transbaikal-Region – AI-95 verschwand von den Tankstellen, Restbestände werden nur an Unternehmenskunden verkauft.
- Burjatien und Primorski-Krai – der Angebotsengpass trieb die Preise um durchschnittlich 5–10 Rubel pro Liter nach oben.
- HMAO – ein Paradoxon: die Region, die etwa 40% der jährlichen Ölförderung Russlands liefert, führte ebenfalls Limits ein – bis zu 40 Liter Benzin und 80 Liter Diesel pro Fahrer.
Kartellrechtliche Falle
Nach Angaben von Meduza schließen einige Tankstellen vollständig – sie können die Preise wegen kartellrechtlicher Beschränkungen nicht erhöhen, daher machen sie einfach keine Gewinne. Mengenengpässe sind eine Möglichkeit, Vorräte zu strecken, ohne Preisvorschriften zu verletzten.
„Es gibt ausreichend Mengen an Ölprodukten"
– Gouverneur von HMAO Ruslan Chukharuk aus einer Region mit Tankstellenbeschränkungen
BBC Verify und BBC Russian dokumentierten ein Rekordniveau von Angriffen: im August 2025 wurden 14 Raffinerien getroffen, weitere 21 von 38 großen Ölraffinerien Russlands erlitten seit Jahresbeginn Schäden.
Wenn Kapotnja wirklich bis Ende 2026 in Reparatur bleibt, sind die Moskauer Limits nicht eine vorübergehende Maßnahme gegen Panik, sondern eine neue Norm für die nächsten anderthalb Jahre. Die Frage ist, ob der Kreml über ausreichend Reserven und Importe aus Belarus verfügt, um die Preise stabil bis zum Winter zu halten – wenn die Nachfrage nach Diesel in Russland traditionell in die Höhe schießt.