Warum das gerade jetzt wichtig ist
Das Interview von Volodymyr Kudrytskyj für LIGA.net wirkte wie eine technische Warnung: dem Land bleibt nur ein begrenzter Zeitraum bis zur nächsten Heizsaison, und ein großer Teil der Maßnahmen zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit des Energiesystems wird deren Verlauf nicht mehr grundlegend beeinflussen können. Es geht um Sicherheit – nicht um abstrakte Statistiken: von der Stabilität der Stromversorgung hängen die Beheizung von Krankenhäusern, die Arbeit der kommunalen Dienste und das Leben der Menschen bei extremen Minustemperaturen ab.
Kernaussage Kudrytskyjs
Kudrytskyj betont, dass der Aufbau breit angelegter dezentraler Kapazitäten Zeit braucht: technische Verfahren, Beschaffungen und Netzanschlüsse. Daher sei vor Beginn der nächsten Heizsaison mit keinem durchschlagenden Effekt zu rechnen – allenfalls ließen sich die Folgen teilweise mildern.
„Da wir Mitte Februar sprechen, bleiben uns bis zur nächsten Heizsaison neun Monate. Man kann sagen, dass wir mit der Inbetriebnahme einer nennenswerten zusätzlichen Menge dezentraler Erzeugungskapazitäten bereits nicht mehr rechtzeitig fertig werden“
— Volodymyr Kudrytskyj, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der NEK «Ukrenergo» (Interview LIGA.net)
Was noch zu schaffen ist
Nach Angaben Kudrytskyjs sind kurzfristige Maßnahmen realistisch: die Verstärkung großer Kraftwerke und Umspannwerke sowie der Aufbau von 500–600 MW zusätzlicher dezentraler Gaserzeugung. Das löst das Problem nicht grundlegend, würde aber das Ausmaß an Notabschaltungen im Falle weiterer Angriffe verringern.
Parallel dazu schätzt die aktuelle Leitung von «Ukrenergo» (Vitalij Zajchenko) den langfristigen Bedarf auf etwa 9,5 GW neuer Erzeugung – das umfasst Gaskraftwerke, mit Biobrennstoff betriebene Wärmekraftwerke, Energiespeicheranlagen und erneuerbare Erzeugung. Die ungefähren Kosten eines solchen Projekts liegen bei über 8 Milliarden Euro. Das ist ein Signal an internationale Partner und Investoren: von der Geschwindigkeit der Finanzierung hängt ab, wie schnell die energetische Widerstandsfähigkeit des Landes wächst.
Kontext der Angriffe auf die Energieinfrastruktur
Seit dem Herbst 2025 greift Russland systematisch die Energieinfrastruktur der Ukraine mit massiven Raketen‑ und Drohnenangriffen an; den Höhepunkt bildeten Januar–Februar 2026 während eines ungewöhnlich kalten Winters. Nach Angaben des Präsidenten Volodymyr Zelenskyj gibt es auf dem von der Regierung kontrollierten Gebiet praktisch keine großen Kraftwerke mehr, die nicht Ziel von Angriffen geworden wären (abgesehen von den Atomkraftwerken).
„Entsprechend: Wenn die Angriffe weiterhin die Intensität dieser Wintersaison haben und es wieder so bittere Kälte gibt, wird auch der nächste Winter schwierig sein“
— Volodymyr Kudrytskyj, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der NEK «Ukrenergo» (Interview LIGA.net)
Wie realistisch der Plan ist und wie es weitergehen kann
Ein realistischer Plan hat zwei Komponenten: kurzfristige operative Schritte (Verstärkungen und 500–600 MW Gaserzeugung) und ein mittelfristiges Programm von 9,5 GW über rund 2–3 Jahre. Erstere bieten lokale Risikominderung; letztere sorgen für eine grundlegende Verbesserung der Netzresilienz. Entscheidende Fragen sind die Geschwindigkeit der Finanzierung, die Logistik der Beschaffungen und die Bereitschaft der Investoren, unter Kriegsbedingungen zu arbeiten.
Marktexperten und die Leitung von Ukrenergo sind sich einig: kurzfristig lassen sich Risiken nicht vollständig ausschließen, aber es ist sinnvoll, sich auf Maßnahmen zu konzentrieren, die in möglichst kurzer Zeit den größtmöglichen Effekt bringen.
Fazit
Das Szenario für den nächsten Winter hängt von zwei Faktoren ab: der Intensität der Angriffe und der Geschwindigkeit der Umsetzung von Schutz‑ und Erzeugungsprojekten. Die Frage an internationale Partner und den Markt lautet, ob sie bereit sind, politische Erklärungen schnell und in großem Umfang in finanzielle und technische Lösungen zu verwandeln. Ohne dies wird die bevorstehende Heizsaison eine Belastungsprobe für Infrastruktur und Gesellschaft bleiben.