Kurz
Anders Fogh Rasmussen sagte in einem Interview mit El Pais, dass ein Teil der europäischen Industriegrundlage im Falle einer Eskalation mit Russland zu einer strategischen Reserve werden könnte. Seine Botschaft ist nicht nur ein Warnsignal, sondern ein praktischer Hinweis: **überflüssige Kapazitäten der Automobilindustrie** könnten auf die Produktion militärischer Ausrüstung umgestellt werden.
Was Rasmussen genau sagte
„Unsere Geheimdienste sagen, dass Putin noch in diesem Jahrzehnt ein NATO-Land angreifen könnte. Ich glaube, das könnte sogar früher passieren“
— Anders Fogh Rasmussen, ehemaliger NATO-Generalsekretär (Interview El Pais)
„In Europa gibt es Fahrzeughersteller mit überflüssigen Kapazitäten. Diese könnten auf die Produktion von Militärtechnik gelenkt werden, wie die USA 1941. Sie verwandelten die Wirtschaft innerhalb weniger Monate in eine Kriegswirtschaft“
— Anders Fogh Rasmussen, Interview El Pais
Rasmussen nannte auch ein Szenario einer militärischen Simulation, in der Maßnahmen gegen Kaliningrad über Litauen untersucht wurden und in einigen Varianten ein mögliches Ausbleiben eines Eingreifens der USA angenommen wurde — Fazit: Europa kann sich nicht ausschließlich auf automatische Hilfe von außen verlassen.
Warum das für die Ukraine wichtig ist
Erstens: stärkere europäische Verteidigungsfähigkeiten sind ein direkter Puffer für die Ukraine — je schneller und effektiver die EU ihre Kapazitäten ausbaut, desto geringer das Risiko einer großflächigen Eskalation, die die Ukraine betrifft. Zweitens: die Umstellung von Fabriken schafft Nachfrage in angrenzenden Lieferketten, die ukrainische Unternehmen, Ingenieure und Komponenten einbeziehen könnte.
Zahlen und Marktrealität
Von Rasmussen genannte Fakten: im Oktober 2025 gab es in Europa rund 8 „überflüssige“ Autofabriken. Eine Autofabrik gilt als rentabel ab einer Produktion von ~250 000 Autos pro Jahr; wenn Lieferungen aus China bis 2030 auf etwa 2 Mio. Fahrzeuge pro Jahr ansteigen, bleiben Teile der Kapazitäten ungenutzt — es entsteht also die Möglichkeit, diese Kapazitäten für andere Bedürfnisse zu nutzen.
Wie das in der Praxis funktionieren könnte
Umstellungen sind kein sofortiger Zauber. Es geht um drei Aspekte: technische Umrüstung der Produktionslinien, Sicherstellung kritischer Komponenten und Finanzierungsmodelle (staatliche Hilfe, staatliche Aufträge, private Investitionen). Die Umstellung in den USA 1941 zeigt, dass bei politischem Willen und klaren staatlichen Vorgaben eine schnelle Mobilisierung der Produktion möglich ist. Heute müssen jedoch zusätzlich komplexere Lieferketten und die Umweltauflagen der EU berücksichtigt werden.
Vorteile und Risiken
Vorteile: beschleunigte Versorgung mit Munition, gepanzerten Fahrzeugen und logistischer Ausrüstung; Erhalt von Arbeitsplätzen; Stärkung der industriellen Autonomie der EU, wovon auch die Ukraine profitiert.
Risiken: hohe anfängliche Investitionen, Zeit für Umrüstungen, rechtliche Fragen bezüglich Markt und Beihilfen sowie das Risiko politischen Widerstands von Unternehmen, die auf den zivilen Markt ausgerichtet sind.
Was Experten sagen
Analysten der Rüstungsindustrie weisen darauf hin, dass die Idee nicht neu ist, durch Veränderungen im Autohandel und die geopolitische Spannung jedoch an Gewicht gewonnen hat. Ein Teil der Fachwelt stimmt überein: Für ein schnelles Reagieren ist Planung in Friedenszeiten nötig — Prioritätenlisten für Produktionslinien, Verträge für Komponenten, Ausbildung von Personal.
Fazit
Rasmussens Vorschlag ist kein Aufruf zur Panik, sondern ein rationaler Vorschlag zur politischen Mobilisierung der Industrie: **überflüssige Kapazitäten zugunsten der Verteidigung umzufunktionieren**. Für die Ukraine ist das eine Chance, die Sicherheit der Region zu stärken und zusätzliche industrielle Verbindungen zu gewinnen. Die Frage an europäische Regierungen und Unternehmen lautet nun: Gibt es den politischen Willen und die technischen Ressourcen, um industrielle Überkapazitäten zügig in einen realen Schutzschirm zu verwandeln?