Februar 2026. Irgendwo in Tscheljabinsk wechselt ein Werkzeugmaschinenbetrieb zu einem dreistündigen Arbeitstag — die Staatsaufträge werden gekürzt. In Moskau führen Beamte des Finanzministeriums geschlossene Sitzungen durch. Und in öffentlichen Berichten erscheint eine Zahl, die sich schwer ohne Konsequenzen erklären lässt: Das Defizit des föderalen Haushalts Russlands für Januar–März 2026 überstieg 58 Milliarden Dollar.
Das ist mehr als der Kreml als Limit für das ganze Jahr vorgesehen hatte.
Wohin sind die Gelder verschwunden
Der russische Haushalt stützte sich auf zwei Säulen: Einnahmen aus Öl und Gas sowie inländische Kreditaufnahmen. Beide stehen derzeit unter Druck. Die Preise für Urals werden schon lange deutlich unter dem Rentabilitätsniveau gehandelt, das das russische Finanzministerium im Haushalt zugrunde gelegt hatte — etwa 70 Dollar pro Barrel. Gleichzeitig werden die Militärausgaben nicht gekürzt: Nach Schätzungen von Analysten der CREA und der Kyiver Schule für Wirtschaft betragen die militärischen Ausgaben Russlands in den Jahren 2025–2026 über ein Drittel des föderalen Haushalts.
Wenn die Einnahmen sinken, während die Ausgaben durch Rüstungsverträge und Zahlungen für „Kampfboni" festgelegt sind, entsteht das Defizit nicht durch Planung — es entsteht als Tatsache.
Drei Monate statt zwölf
Die Überschreitung des jährlichen Planziels bereits im ersten Quartal ist kein technischer Planungsfehler. Dies ist ein Signal struktureller Unausgeglichenheit. Russland hat entweder bewusst die Prognosen in offiziellen Dokumenten unterschätzt, kontrolliert nicht die Dynamik der Ausgaben, oder — und das ist am wahrscheinlichsten — beides.
Zum Vergleich: Die Ukraine hatte 2022–2023 ebenfalls ein kolossales Defizit, aber es wurde durch internationale Zuschüsse und Darlehen mit transparenter Berichterstattung gegenüber den Gebern gedeckt. Russland deckt das Loch hauptsächlich durch inländische Anleihen — OFZ — die von Staatsbanken faktisch mit Emissionsgeld der Zentralbank gekauft werden. Das ist keine Auslandsverschuldung, aber es ist auch nicht kostenlos: Die Inflation in Russland überschreitet bereits 9%, der Leitzins der russischen Zentralbank liegt bei 21%.
Von der Ziffer zum Menschen
Das abstrakte Defizit wird konkret, wenn Regionen beginnen, Sozialzahlungen zu verzögern, und Rüstungsunternehmen ihre zivilen Auftragnehmer kürzen. So sieht fiskaler Stress auf der Ebene einer einzelnen Stadt aus: keine angezeidigte Bankrottmeldung, sondern allmähliche Verengung von Möglichkeiten.
Die Ökonomin Aleksandra Prokopenko, ehemalige Direktorin einer Abteilung der russischen Zentralbank, die nach 2022 emigrierte, hat in ihren Materialien für die Carnegie Endowment wiederholt betont: Die russische Wirtschaft kollabiert nicht sofort, sie degeneriert schichtweise — zuerst die Peripherie, dann die Mittelschicht, dann die Institutionen.
Was in der Ziffer nicht sichtbar ist
58 Milliarden Dollar Defizit — das ist die offizielle Ziffer von Rosstat und dem russischen Finanzministerium. Die tatsächliche Zahl könnte größer sein: Ein Teil der Militärausgaben wird über außerbudgetäre Fonds und Staatskonzerne abgewickelt, die nicht in der föderalen Berichterstattung konsolidiert werden. Eine unabhängige Überprüfung ist unmöglich — Russland hat seit 2022 die Veröffentlichung von Haushaltsdetails erheblich eingeschränkt.
Das heißt, 58 Milliarden Dollar — das ist das, was der Kreml zeigen wollte. Die Untergrenze, nicht die Obergrenze.
Was kommt als nächstes
Russland hat mehrere Instrumente zur Deckung der Lücke: Der Nationale Wohlfahrtsfonds (NWF), dessen Reserven nach 2022 erheblich geschrumpft sind, neue Kreditaufnahmen und im äußersten Fall direkte Schuldenmonetarisierung. Jeder dieser Wege hat einen Preis — entweder inflationär oder politisch.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob die russische Wirtschaft zusammenbrechen wird — sie wird nicht sofort zusammenbrechen. Die Frage ist, bei welchem Grad der fiskalischen Erschöpfung der Kreml gezwungen sein wird, zwischen Zahlungen für „Kampfboni" an Vertragskämpfer und der Finanzierung neuer Offensivoperationen zu wählen — und ob diese Wahl vor oder nach dem nächsten großen Schlag gegen die ukrainische Infrastruktur stattfindet.