Als im Februar 2025 eine russische Drohne vom Typ „Geran-2" ein Loch in den Stahlbogen über dem vierten Reaktor des Kernkraftwerks Tschornobyl riss, klangen die offiziellen Mitteilungen zurückhaltend: Es gibt Schäden, aber keinen Strahlungsaustritt, die Situation ist unter Kontrolle. Zehn Monate später präzisierte die IAEO — die Situation ist komplexer.
Was die Inspektion bestätigte
Im Dezember 2025 beendeten Fachleute der Agentur eine umfassende Überprüfung des Neuen sicheren Konfinements (NSK) — eines 1,5 Milliarden Euro teuren Stahlbogens, der 2016 über dem Sarkophag des vierten Reaktors errichtet worden war. Das Ergebnis war vernichtend.
„Die Mission bestätigte, dass die Schutzanlage ihre Hauptsicherheitsfunktionen verloren hat, einschließlich der Funktion der Strahlungsabgrenzung."
Rafael Grossi, Generaldirektor der IAEO
Gleichzeitig präzisierte Grossi: Die Tragkonstruktionen und Überwachungssysteme sind ohne dauerhaften Schaden. Mit anderen Worten, der Bogen droht nicht einzustürzen, isoliert aber nicht mehr den Reaktorraum von der Außenumgebung wie beabsichtigt.
Der Drohneneinschlag hinterließ ein großes Loch im Dach. Bei der Brandbekämpfung schlugen Feuerwehrleute etwa 300 weitere kleine Löcher in die äußere Verkleidung — zur Wasserzufuhr. Derzeit ist das Hauptloch mit einem provisorischen Schirm verschlossen.
Wie viel es kosten wird und wer bezahlt
Eine vollständige Reparatur ist eine Angelegenheit, die nicht Wochen oder gar ein Jahr dauert. Nach Angaben französischer Unternehmen, die zur Bewertung herangezogen wurden, liegen die Kosten zwischen 300 Millionen und 700 Millionen Euro. Wie biz.liga.net berichtet, arbeitet die EBWE mit einer Durchschnittszahl von 500 Millionen Euro — mit dem Vorbehalt, dass die Summe aufgrund von Inflation und Logistik ansteigen kann.
Die Präsidentin der EBWE, Odile Renaud-Basso, skizzierte einen strikten Zeitplan: Verbindliche Zusagen der Geber werden bis Ende 2027 benötigt, damit die umfassende Reparatur 2028 beginnen und bis 2030 abgeschlossen sein kann. Nach ihren Worten ist 2030 kein bürokratisches Datum, sondern eine technische Frist: Danach beginnt eine unkontrollierte Korrosion der Stahlkonstruktionen.
Die Spender des Kontos für internationale Zusammenarbeit „Tschornobyl" haben bereits die Bereitstellung von 30 Millionen Euro für erste Ingenieur- und Beschaffungsarbeiten genehmigt, und internationale Partner haben 42,5 Millionen Euro für Stabilisierungsreparaturen bestätigt. Aber das ist nur das vorbereitende Minimum, nicht die vollständige Finanzierung.
Warum Verzögerungen doppelt gefährlich sind
Grossi betonte: Die Schäden erwiesen sich als schwerwiegender als ursprünglich angenommen, und eine Verzögerung der Reparatur bedroht nicht nur die Struktur selbst. Das NSK wurde mit einer Lebensdauer von 100 Jahren geplant — um Zeit für eine sichere Demontage der radioaktiven Überreste des vierten Reaktors zu geben. Ohne ein dichtes Konfinement wird dieser Prozess technisch deutlich komplizierter und teurer.
Der Direktor des Kernkraftwerks Tschornobyl, Sergei Tarakanov, sagte im Dezember 2025 gegenüber AFP, dass auch im optimistischsten Szenario die vollständige Wiederherstellung der äußeren Hülle noch drei bis vier Jahre aktiver Arbeit erfordert.
Das heißt, zwischen „Bogen durchlocht" und „Bogen isoliert Reaktor wieder" liegen mindestens fünf Jahre, 500 Millionen Euro und die vollständige Abwesenheit neuer Anschläge auf das Objekt.
Wenn die Geber ihre Zusagen nicht bis Ende 2027 fixieren, wird die Reparatur über 2030 hinausgehen — und dann geht es nicht mehr um Fristen, sondern darum, ob man die Stahlkorrosion ohne den Austausch von Schlüsselelementen der Struktur überhaupt noch aufhalten kann.