Am 23. April 2026 verabschiedete die EU einstimmig das 20. Sanktionspaket gegen Russland. Unter den 120 neuen natürlichen und juristischen Personen auf der Liste befinden sich chinesische Unternehmen, denen Brüssel vorwirft, Hochtechnologiegüter mit Doppelverwendungszweck und Waffen für den russischen Militärisch-Industriellen Komplex zu liefern. Für Peking erwies sich dies als rote Linie.
Was genau hat die EU getan – und warum ist dies grundlegend neu
In vorherigen Paketen gerieten chinesische Unternehmen zwar manchmal unter Beschränkungen, doch das 20. Paket verankert diese Praxis erstmals offiziell durch ein Abschreckungsinstrument – einen Mechanismus, der es ermöglicht, Drittländer für systematische Sanktionsverletzungen zu bestrafen. Diesmal wurde er gegen Kirgisistan angewandt, während sich China unmittelbar als Lieferant kritischer Komponenten auf der Liste wiederfand. Nach Angaben der Europäischen Kommission handelt es sich um Unternehmen, die «Güter mit Doppelverwendungszweck oder Waffensysteme für den russischen Militärisch-Industriellen Komplex lieferten».
Das Paket insgesamt enthält: 56 Einträge im Zusammenhang mit Russlands Militärisch-Industriellem Komplex, von denen 17 in Drittländern ansässig sind: China, VAE, Belarus, Zentralasien. Hinzu kommen 46 Schiffe der Scattenschiffe-Flotte, 20 Banken, Verbote für die Kryptowährung RUBx und Transaktionen mit dem digitalen Rubel. Neue Importverbote für Metalle, Chemikalien und Mineralien werden auf über 530 Millionen Euro geschätzt.
Reaktion Pekings: keine Diplomatie, sondern ein Ultimatum
«Dies widerspricht dem Geist des Konsenses, der zwischen den Führungspersonen Chinas und der EU erreicht wurde, und untergräbt ernsthaft das gegenseitige Vertrauen und die allgemeine Stabilität der bilateralen Beziehungen».
Sprecher des chinesischen Handelsministeriums, 25. April 2026
Peking forderte die sofortige Streichung der Unternehmen von der Liste. Das chinesische Handelsministerium warnte, dass «alle Konsequenzen auf der Seite der EU liegen werden», und versprach «notwendige Maßnahmen» zum Schutz des chinesischen Geschäfts. Nach Angaben von Bloomberg bezeichnete das Ministerium dies als «entschiedenen Protest». Dies ist nicht der erste solche Fall: Im Sommer 2025 führte China als Reaktion auf EU-Sanktionen gegen zwei chinesische Banken eigene Beschränkungen gegen litauische Banken ein und setzte eine Antisubventionsuntersuchung gegen die Einfuhr europäischer Milchprodukte fort.
Einsätze: 700 Milliarden Euro gegenseitiger Handel
Die Drohungen Pekings sind nicht leer – der Preis der Beziehungen ist für beide Seiten zu hoch. Laut Europäischer Kommission betrug der bilaterale Warenhandel zwischen der EU und China 2024 732 Milliarden Euro, und 2025 wuchs er trotz aller Reibereien um weitere 5,4%. China bleibt nach den USA der zweitgrößte Handelspartner der EU.
Forscher aus dem Schwedischen Nationalen China-Zentrum beobachten: Peking veröffentlicht weiterhin detaillierte Zollstatistiken zum Handel mit Russland – und demonstriert dem Westen faktisch, dass diese Ströme nicht verborgen bleiben. Das tatsächliche Volumen könnte jedoch größer sein: Ein Teil der Lieferungen erfolgt über Drittländer und ist in offenen Daten nicht erfasst.
Autoren einer Studie in Intereconomics betonen ein systematisches Problem: Die schrittweise, «schichtweise» Einführung von Sanktionen gibt Zielländern Zeit zur Anpassung, und die Beteiligung solch großer Volkswirtschaften wie China an Umgehungsschemata senkt die Wirksamkeit der Beschränkungen erheblich. Ihrer Analyse zufolge ist Russland zu groß und zu sehr in globale Rohstoffmärkte integriert, als dass Sanktionen ohne volle Beteiligung wichtiger Partner funktionieren könnten.
Was kommt als Nächstes
Die EU hat das Abschreckungsinstrument erstmals angewandt – bislang gegen Kirgisistan. Sollte sich das Instrument als wirksam erweisen, wäre der nächste Schritt logischerweise seine Ausweitung auf größere Akteure. Brüssel gerät jedoch zwischen zwei Risiken: Nicht auf China drücken – bedeutet, Lücken im Sanktionsregime zu hinterlassen; drücken – bedeutet, einen Handelskrieg mit einem Partner im Wert von 700 Milliarden Euro zu verschärfen, der ohnehin bereits durch Zollstreitigkeiten und Subventionsuntersuchungen angespannt ist.
Sollte die EU wagen, das Abschreckungsinstrument unmittelbar gegen chinesische Unternehmen anzuwenden – statt sie lediglich auf die Liste zu setzen – wird Pekings Reaktion über diplomatische Erklärungen hinausgehen. Ist Brüssel bereit für ein solches Szenario, bevor die Verhandlungen über das Handelsgleichgewicht mit China abgeschlossen sind?