„Treu und Glauben" im neuen Zivilgesetzbuch: Flexibler Standard oder Tor für richterliche Willkür

Das Oberste Parlament verabschiedete in erster Lesung einen Entwurf des neuen Zivilgesetzbuchs, in dem das sowjetische Konzept der „moralischen Grundlagen der Gesellschaft" durch „Gute Sitte" ersetzt wurde. Die Autoren sagen: Das ist eine in Europa übliche Norm. Kritiker sagen: Das ist Subjektivismus ohne Grenzen.

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Руслан Стефанчук просував нову редакцію Цивільного кодексу (Фото: пресслужба Верховної Ради)

Wenn Gesetzgeber einen vagen Begriff durch einen anderen ersetzen – lohnt es sich zu verstehen, ob dies zu mehr Präzision führt. Diese Frage stellt sich, nachdem die Werchowna Rada in der ersten Lesung einen Entwurf eines neuen Zivilgesetzbuches unterstützt hat, in dem der Begriff „moralische Grundlagen der Gesellschaft" durch „Treu und Glauben" ersetzt wurde.

Woher das Wort kommt und was es bedeutet

Der Sekretär der Arbeitsgruppe und Co-Autor des Dokuments, Michajlo Chomenko, besteht darauf: Das Konzept ist nicht revolutionär. Nach seinen Worten ist „Treu und Glauben" eine Anlehnung an das deutsche gute Sitten und das französische bonnes mœurs – ein Standard, der im kontinentalen Recht seit über einem Jahrhundert existiert. Ähnliche Formulierungen sind in den Zivilgesetzbüchern von Deutschland, Österreich und der Schweiz verankert und werden von Gerichten regelmäßig angewandt, ohne dass das Rechtssystem zusammenbricht.

Die Logik der Autoren ist transparent: „moralische Grundlagen der Gesellschaft" – ein Erbe der sowjetischen Rechtswissenschaft, in der sich das Gericht auf die kollektive Moral berief, die der Staat definierte. „Treu und Glauben" hingegen orientiert sich an bewährter geschäftlicher und sozialer Praxis – an dem, was ein vernünftiger Mensch in einer konkreten Situation für annehmbar hält.

Wo genau das Risiko entsteht

Der Rechtsanwalt Dmytro Paluschenko formuliert die Einwände konkret: Ohne eine rechtliche Definition des Begriffs und ohne eine Fallrechtsgrundlage der ukrainischen Gerichte lässt das Konzept „Treu und Glauben" zu viel Raum für richterliches Ermessen. In einem Land, in dem die Unabhängigkeit der Justiz noch immer Gegenstand von Reformen ist, bedeutet eine Erweiterung der Diskretionsbefugnisse keine akademische Frage.

„Gute Sitten" klingt besser als „moralische Grundlagen", aber wenn der Richter nicht weiß, wie er sie bestimmen soll – haben wir einfach eine Unklarheit durch eine andere ersetzt.

Dmytro Paluschenko, Rechtsanwalt

Das Problem ist nicht nur terminologisch. In der ukrainischen Gerichtspraxis gibt es kaum ein etabliertes System von Präzedenzfällen, auf das sich ein Richter bei der Auslegung eines wertausfüllungsbedürftigen Begriffs stützen könnte. In Deutschland oder den Niederlanden funktioniert gute Sitten deshalb, weil über Jahrzehnte hinweg eine Rechtsprechungsdoktrin entwickelt wurde, die das richterliche Ermessen auf akzeptable Grenzen begrenzt.

Was zwischen diesen Positionen liegt

Beide Seiten der Diskussion widersprechen sich eigentlich in der Hauptsache nicht: Der Begriff selbst ist nicht das Problem. Das Problem ist die Infrastruktur um ihn herum. „Treu und Glauben" kann unter zwei Bedingungen als präzises Instrument funktionieren:

  • offizielle Auslegung oder Bindung an konkrete Kriterien im Text des Gesetzbuches;
  • Entwicklung von Gerichtspraxis – oder direkte Bezüge auf die Praxis des EGMR und der EU-Gerichte als Orientierungshilfe für ukrainische Richter.

Keine dieser Bedingungen ist in dem Entwurf, der die erste Lesung passiert hat, bislang vorhanden. Das bedeutet, dass zwischen der ersten und zweiten Lesung – genau dort werden Änderungen vorgenommen – die Frage textlich gelöst werden muss und nicht dem zukünftigen Obersten Gericht überlassen werden darf.

Wenn die Autoren bis zur zweiten Lesung weder eine Definition noch Auslegungskriterien für „Treu und Glauben" vorschlagen, liegt das eigentliche Risiko nicht im Wort selbst – sondern darin, dass Gerichte in den ersten fünf bis zehn Jahren nach Inkrafttreten des Gesetzbuches dieses je nach Region und Senatszusammensetzung unterschiedlich anwenden werden.

Weltnachrichten