Ungarns Ministerpräsident wählt Polen als erste Station – und es geht nicht um Tourismus zum Wawel

Ungarns neuer Premierminister Peter Magyar ist nach Polen gereist, um die von Orbán gefrorenen Beziehungen wieder aufzuwärmen: Auf der Agenda stehen die Unterstützung der Ukraine, Energiefragen und ein neues Format der mitteleuropäischen Zusammenarbeit. Doch zwischen Erklärungen zum Kurswechsel und den tatsächlichen Umsetzungsmechanismen liegen Welten.

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Петер Мадяр (Фото: EPA/ROBERT HEGEDUS)

Ungarns Premierminister Péter Magyar unternimmt vom 19. bis 20. Mai seinen ersten Auslandsbesuch nach Amtsantritt — und wählte dafür Polen. Die Wahl ist kein Zufall: Warschau war der Hauptkritiker Orbáns wegen dessen Annäherung an Moskau nach 2022.

Die Route als Botschaft

Magyar begann in Krakau, wo er die Wawel-Kathedrale besuchte und sich mit Erzbischof Kardinal Grzegorz Ryś traf. Danach — mit dem Zug nach Warschau. Wie AFP berichtet, legte der Premierminister einen Teil der Strecke absichtlich mit der Eisenbahn zurück: um die Unterstützung von EU-finanzierten Projekten hervorzuheben, insbesondere der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Krakau und Warschau.

In Warschau — Verhandlungen mit Premierminister Donald Tusk und ein Treffen mit Präsident Karol Nawrocki. Die Tour endet in Danzig, wo Magyar sich mit dem ehemaligen polnischen Präsidenten und Nobelpreisträger Lech Wałęsa trifft und einen Kranz am Denkmal der „Solidarität" niederlegt.

«Die ersten Entscheidungen der neuen ungarischen Regierung deuten auf einen möglichen Kurswechsel der Budapester Politik gegenüber der Ukraine, Russland und der Europäischen Union hin»

Adam Szłapka, Sprecher der polnischen Regierung

Was wirklich auf der Verhandlungsagenda steht

Nach Angaben von Reuters und AFP gehören zu den Schlüsselthemen die Unterstützung der Ukraine, Energiepolitik und die Neugestaltung der mitteleuropäischen Integration. Magyar schlug vor, die Visegrád-Gruppe (Ungarn, Polen, Tschechien, Slowakei) mit dem Austerlitz-Format (Tschechien, Slowakei, Österreich) zu verbinden — faktisch einen neuen Regionalblock mit größerem Gewicht in der EU zu schaffen.

Der diplomatische Kontext ist jedoch komplexer. Wie der polnische Analyst Piotr Buras vom Europäischen Rat für Internationale Beziehungen anmerkt, hat sich Polen in den letzten Jahren in Richtung nordischer und baltischer Zusammenarbeit verschoben — und eine Rückkehr zum mitteleuropäischen Kurs ist nicht automatisch.

Ein separates Thema sind die polnischen Justizflüchtlinge. Orbán gewährte dem ehemaligen polnischen Justizminister Zbigniew Ziobro und seinem Stellvertreter Marcin Romanowski politisches Asyl, denen Warschau schwere Verbrechen vorwirft. Magyar versprach bereits vor der Wahl, diese Praxis aufzugeben, und beide haben Budapest bereits verlassen. Aber kein offizieller Auslieferungsmechanismus wurde unterzeichnet.

Orbáns Erbe als Ausgangspunkt

Magyar siegte bei der Wahl im April 2026 und beendete damit die 16-jährige Herrschaft von Viktor Orbán. Die Beziehungen zwischen Warschau und Budapest verschlechterten sich in dieser Zeit bis zu einer nach AFP-Einschätzung «offenen Feindschaft» — wegen Orbáns Blockade von Russland-Sanktionen, Verzögerung der Ukraine-Hilfe und Verdacht auf Moskauer Energieabhängigkeit.

Nach Treffen in Davos im Februar haben Tusk und Magyar bereits persönlichen Kontakt aufgebaut. Aber Sympathie zwischen Führungspersonen ist jedoch nicht dasselbe wie eine abgestimmte Position beider Regierungen zu konkreten Fragen: Waffenkontingenten für die Ukraine, Ungarns Teilnahme an EU-Sanktionsregimen, Energietransit.

Nach Polen fliegt Magyar nach Wien — das ist die zweite Station der Tournee, die er selbst als Bruch mit dem Orbánismus in der Außenpolitik darstellt.

Wenn Warschau und Budapest nach dem Besuch eine gemeinsame Position zur Unterstützung der Ukraine ankündigen — mit Fristen und Instrumenten, nicht nur Deklarationen — wird dies der erste echte Test sein, ob Ungarn seinen Kurs wirklich geändert hat und nicht nur die Rhetorik.

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