Sergiy Kyslytsia, ständiger Vertreter der Ukraine bei den Vereinten Nationen, machte eine Aussage, die über die übliche diplomatische Rhetorik hinausgeht: Russland sollte aus der Organisation der Vereinten Nationen ausgeschlossen werden, da es rechtswidrig einen Platz einnimmt, der ihm nicht zusteht.
Das zentrale Argument ist juristischer Natur. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 erklärte sich Russland einfach selbst zum Rechtsnachfolger des sowjetischen Platzes im Sicherheitsrat. Es gab keine Abstimmung, kein formales Verfahren. Die Generalversammlung akzeptierte dies stillschweigend – und dieses Schweigen wurde zu einem Präzedenzfall, der die Organisation jetzt an Reputation kostet.
«Russland wird uns weiterhin ins Gesicht spucken – und der ganzen Welt – solange man es ihm erlaubt», sagte Kyslytsia.
Das Vetorecht, das Moskau als Schutzschild gegen alle Entscheidungen bezüglich seiner eigenen Aggression nutzt, basiert genau auf diesem nicht gestützten Rechtsnachfolgerecht. Nach Aussage von Kyslytsia werden daher alle Resolutionen zur Ukraine bereits vor der Abstimmung blockiert – nicht wegen der Stärke der Argumente, sondern wegen eines architektonischen Defekts aus dem Jahr 1991.
Das Problem ist nicht neu. Juristen und Diplomaten haben die Frage nach der Legitimität der russischen Mitgliedschaft bereits nach der Annexion der Krim 2014 aufgeworfen. Die vollständige Invasion 2022 brachte die Diskussion zurück, doch sie bleibt bis heute akademisch – kein Staat hat den Status Russlands offiziell angefochten, aus Angst vor einem Präzedenzfall oder aus Unwilligkeit, die ohnehin brüchige Architektur der internationalen Sicherheit zu destabilisieren.
Der eigentliche Konflikt hier liegt nicht zwischen der Ukraine und Russland – er liegt zwischen zwei Verständigungen davon, was die UNO ist. Wenn die Organisation ein Forum der Regeln ist, dann untergräbt eine unter Umgehung von Verfahren erlangte Mitgliedschaft ihre eigene Grundlage. Wenn die UNO nur ein Gleichgewicht der Kräfte großer Mächte ist, dann ist Kyslytsias Frage einfach nur rhetorisch.
Von der Antwort auf diese Frage hängt ab, ob die nächste Aggression – überall in der Welt – von Institutionen gestoppt wird oder wieder durch ein Veto blockiert wird.