Am 4. Juni nannte Präsident Zelenskyj in seiner abendlichen Ansprache den Waffenexport „Verbindungen zur Welt" und betonte, dass die Verkäufe sich in eine stabile Quelle für Haushaltseinnahmen verwandeln sollen. Hinter dieser Formulierung verbirgt sich ein konkretes Industrieproblem: Die Ukraine produziert bereits mehr, als der eigene Staat kaufen kann.
Die Fabrik existiert – das Geld für Aufträge fehlt
Nach Angaben des Rates der ukrainischen Waffenhersteller betrug die gesamte Produktionskapazität des Rüstungskomplexes 2024 etwa 20 Milliarden Dollar, während die tatsächlichen Ankäufe nur 10 Milliarden Dollar erreichten – die Unternehmen arbeiteten also mit etwa der Hälfte ihres Potenzials. Bis 2025 sind die Kapazitäten auf 35 Milliarden Dollar gewachsen, doch die Staatsaufträge decken erneut nicht mehr als die Hälfte dieses Volumens ab.
Hätte man den Herstellern bereits 2024 gestattet, diese „Lücke" durch Auslandsverträge zu füllen, hätten die Technologischen Kräfte der Ukraine (Tech Force UA) berechnet: Der potenzielle Devisenertrag könnte 2 Milliarden Dollar pro Jahr erreichen. Bis 2026 könnten allein die Kapazitäten zur Herstellung von Drohnen mit großer Reichweite 35 Milliarden Dollar erreichen – wenn sich die Märkte rechtzeitig öffnen.
Die Auswirkungen des Zögerns sind bereits spürbar. Nach einer Umfrage von Tech Force UA im Oktober erwog 51% der Rüstungsproduzenten die Verlagerung von Produktionslinien ins Ausland – dorthin, wo es Käufer und bessere Preise gibt.
Build with Ukraine: kein Verkauf, sondern eine gemeinsame Fabrik
Am 21. Juni kündigte Zelenskyj den Start des Programms Build with Ukraine an – ein Format, bei dem die Ukraine Technologie bereitstellt, während die Produktion an den Standorten von Partnerländern aufgebaut wird.
„Wir werden die entsprechenden Technologien zur Verfügung stellen und werden in ihren Ländern Waffen für uns und für sie produzieren: Drohnen verschiedener Art, Raketen und möglicherweise auch Artillerie."
Präsident Zelenskyj, 21. Juni 2025
Die ersten Vereinbarungen mit europäischen Staaten sollen bereits im Sommer 2025 unterzeichnet werden. Darüber hinaus werden Partnern außerhalb Europas, die die Produktion von Drohnen oder Raketen in der Ukraine finanzieren, auch die Eröffnung von Produktionslinien auf ihrem Territorium angeboten. Parallel fordert Kyjiw Partnerstaaten auf, 0,25% ihres BIP jährlich zur Unterstützung des ukrainischen Rüstungskomplexes und der Inlandsproduktion bereitzustellen.
Was das für den Haushalt bedeutet – und warum es nicht so einfach ist
Die Chefökonomin von Dragon Capital, Olena Bilan, stellt fest: Die Rüstungsindustrie ist bereits einer der Schlüsseltreiber des BIP-Wachstums im Jahr 2025 geworden, doch genaue Daten sind klassifiziert – Analysten orientieren sich nur an indirekten Indikatoren. Gleichzeitig beträgt das Staatshaushaltdefizit ohne Berücksichtigung externer Unterstützung etwa 25% des BIP, während Eigeneinnahmen weniger als 60% der Ausgaben decken. Deviseneingänge aus dem Waffenexport könnten diese Abhängigkeit von externen Krediten teilweise verringern.
Der eigentliche Konflikt liegt jedoch nicht zwischen „verkaufen" oder „nicht verkaufen". Er liegt zwischen der Geschwindigkeit der Marktöffnung und dem Risiko, die Kontrolle über Technologien zu verlieren. Der Luftfahrtexperte und Direktor der NGO „Institut für Management und Strategien", Bohdan Dolintsе, warnte in einem Kommentar gegenüber Ukrinform: Wenn Kampftechnologien in die Hände unzuverlässiger Akteure gelangen und bei Anschlägen verwendet werden, riskiert die Ukraine internationale Sanktionen und eine Verschlechterung der Beziehungen zu Partnern. Weltweit gibt es strenge Regelungen für die Überprüfung des Endbenutzers – und die Ukraine baut ihr entsprechendes Kontrollsystem noch auf.
- Potenzial: Schätzungen zufolge könnte der jährliche Erlös aus dem Waffenexport in mittelfristiger Perspektive 10 Milliarden Dollar und mehr erreichen.
- Hemmender Faktor: Fehlender transparenter Mechanismus zur Überprüfung des Endbenutzers.
- Dilemma der Hersteller: Die Hälfte der Unternehmen ist bereit, ihre Linien ins Ausland zu verlegen, wenn der Staat den Markt nicht schnell genug öffnet – und mit den Linien werden auch die Technologien verschwinden.
Wenn Vereinbarungen im Rahmen von Build with Ukraine bereits im Sommer unterzeichnet werden, wie Zelenskyj verspricht, wird der nächste Test ein anderer sein: Wird die Ukraine über ein Register von Endbenutzern und einen Verifizierungsmechanismus verfügen, bevor die erste Charge von Technologien die Grenze überquert – denn genau das wird bestimmen, ob dieser Export zu einem diplomatischen Aktivposten wird oder eine neue Quelle von Anfälligkeiten.