Der polnische Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz hat ein Szenario angesprochen, das Geheimdienste mehrerer NATO-Länder mindestens ein Jahr lang diskutieren, aber bislang öffentlich vermieden haben auszusprechen: Russland könnte eine abgefangene ukrainische Drohne über dem Gebiet eines Verbündeten starten und den Angriff als ukrainischen Fehler oder Provokation Kiews ausgeben.
Wie eine Drohne nicht mehr ukrainisch wird
Der Mechanismus, der dieses Szenario technisch realistisch macht, ist bereits dokumentiert. Aus Kaliningrad senden russische Sender gefälschte Satellitensignale aus, die stark genug sind, um die Navigation einer Drohne im Flug abzufangen, ihr falsche Koordinaten zu liefern und sie in die falsche Richtung zu schicken. Nach Berechnungen des litauischen Geheimdiensts hat sich die Zahl solcher Spoofing-Sender diese Woche auf 36 erhöht — im Vergleich zu drei zu Beginn des Jahres 2025.
Die Anschläge haben bereits Schäden auf Territorium der Verbündeten verursacht: Am 7. Mai traf eine Drohne ein lettisches Öllager und explodierte beim Aufprall. Am 19. Mai schoss ein rumänischer F-16 eine weitere über Estland ab — zum ersten Mal in der Geschichte zerstörte ein Flugzeug eines Verbündeten eine Drohne, die für ukrainisch gehalten wurde.
Genau hier zeigt sich der verwundbare Punkt, den Kosiniak-Kamysz direkt benannt hat. Nach seinen Angaben hat Russland zahlreiche Angriffsdrohnen relativ intakt abgefangen — und könnte sie nutzen, indem es fremde Drohnen als eigene oder umgekehrt ausgeben würde, um die Situation zu verwirren.
Was das ISW und der polnische Geheimdienst getrennt dokumentieren
Analysten des Institute for the Study of War warnten davor, dass Russland Drohnenzwischenfälle in der Nähe der NATO-Grenzen nutzt, um die Verantwortung für zukünftige Anschläge zu verschieben und möglicherweise einen Vorwand für Operationen unter „falscher Flagge" gegen NATO-Mitglieder zu schaffen.
Die Analysten wiesen auf die erste Drohnenabwehr in der Geschichte der NATO über Lettland am 8. Juni hin — nachdem, wie berichtet, russische Funkstörmittel das Gerät in den lettischen Luftraum umgelenkt hatten.
Bei einer Sitzung des Sicherheitsausschusses des Rates der polnischen Minister am 21. Juli wird das Thema abgefangener Drohnen einen der Hauptpunkte der Tagesordnung bilden — neben Cyberbedrohungen und dem Schutz kritischer Infrastruktur. Kosiniak-Kamysz zählte konkrete Druckpunkte auf:
- Ständiges Sondieren von Luftverteidigungssystemen
- Jamming von GPS-Signalen über polnischem Territorium
- Verhaftung von Agenten, die von der Agentur für innere Sicherheit und dem Militärischen Geheimdienst registriert werden
„Wir haben ständig mit Überprüfungen der Belastbarkeit unserer Luftverteidigungssysteme, der kritischen Infrastruktur zu tun, besonders im Internet, mit Jamming von GPS-Signalen"
Władysław Kosiniak-Kamysz, Verteidigungsminister von Polen
Warum Polen nicht nur ein Alarmsignal ist
Warschau war das erste NATO-Mitglied, das diese Bedrohung auf der Ebene eines Regierungsausschusses institutionalisierte. Dies ist keine Rhetorik — dies ist die Vorbereitung eines Zuschreibungsverfahrens: Wer und wie wird bestimmen, welche Drohne auf polnischem Boden abstürzte, wenn das Flugzeug ukrainische Markierungen hat, aber die Flugbahn von russischem Territorium ausgeht.
Das Zuschreibungsproblem ist nicht technisch, sondern politisch. Der polnische Minister forderte Kiew auf, genauer bei Angriffen auf Russland vorzugehen, um Russland keinen Vorwand für Provokationen zu geben. Aber die Genauigkeit der Navigation und die Genauigkeit der Zuschreibung nach GPS-Spoofing sind verschiedene Dinge: Das erste hängt von der Ukraine ab, das zweite davon, wie gut die Verbündeten Geheimdaten in Echtzeit austauschen.
Wenn die NATO keinen gemeinsamen Mechanismus für die schnelle technische Zuschreibung von Drohnenzwischenfällen schafft — mit Zugriff auf Telemetrie- und Funkaufklärungsdaten mehrerer Länder gleichzeitig — wird die nächste „unbekannte" Drohne über polnischem oder rumänischem Territorium ein Informationskriegswerkzeug bleiben, unabhängig davon, wer sie abgefeuert hat.