Über 200 Tote, doch Netanjahu sagt „wir machen weiter": Was hinter den Angriffen auf Beirut steckt

Israel tötete persönlichen Berater des Hisbollah-Anführers und zerstörte Infrastruktur im Libanon – mehr als 200 Menschen starben an einem Tag. Die EU und Frankreich fordern einen Waffenstillstand, doch es gibt bislang keinen Druckmechanismus.

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Беньямін Нетаньягу (Фото: Ronen Zvulun/EPA)

Am 9. April führte Israel massive Luftschläge auf Beirut und Südlibanon durch. Über 200 Menschen starben — das libanesische Gesundheitsministerium warnte, dass die Zahl steigen wird. Netanjahu bestätigte die Tötung von Ali Yusuf Harshi — persönlicher Assistent und nach Angaben der Armee Neffe des Generalsekretärs der „Hisbollah" Naim Kassem.

Wer ist Harshi und warum ist das wichtig

Harshi war kein Feldkommandant. Er gehörte zum engsten Kreis um Kassem: koordinierte den Zugang, Kommunikation und war nach Angaben der IDF an der Wiederbewaffnung der Gruppe beteiligt. Seine Tötung ist ein Schlag gegen die Führungsstruktur der „Hisbollah", nicht nur gegen eine Einzelperson. Die IDF griff auch die Infrastruktur der „Hisbollah" im Süden des Libanon an: große Übergänge, Waffenlager, Raketenstartanlagen und Kommandozentralen der Gruppe.

„Wir schlagen die Hisbollah weiterhin mit Kraft, Präzision und Entschlossenheit"

— Benjamin Netanjahu, X, 9. April

Wo die EU steht — und wo ihre Einflussgrenzen liegen

Die Chefin der europäischen Diplomatie Kaja Kallas unterstützte die Bemühungen des Libanon zur Entwaffnung der „Hisbollah" und forderte eine Ausweitung des Waffenstillstands auf den Libanon. Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot erklärte, dass der Libanon in jede Waffenstillstandsvereinbarung einbezogen werden müsse, bestand jedoch darauf, dass der Iran die Unterstützung für Proxy-Gruppen wie die Hisbollah, die Hamas und die Huthi-Rebellen einstellen muss.

Das Problem ist, dass es keinen Durchsetzungsmechanismus für diese Aussagen gibt. Israel verletzte den Waffenstillstand vom November 2024 fast täglich — die libanesische Regierung zählte über 2000 israelische Verstöße allein in den letzten drei Monaten des Jahres 2025. Kallas unterstützt die Entwaffnung — aber die tatsächliche Verantwortung für ihre Umsetzung liegt bei der libanesischen Armee, die weder die Ressourcen noch das Mandat für eine direkte Konfrontation mit der „Hisbollah" hat.

Der Kontext, der aus den Schlagzeilen verschwindet

Nach Berechnungen der Internationalen Organisation für Migration sind über 64.000 Menschen im Libanon intern vertrieben. Die Luftschläge vom 9. April sind kein isolierter Vorfall, sondern Teil einer Kampagne, die seit November 2024 faktisch nie unterbrochen wurde. Israelische Soldaten halten fünf Punkte auf libanesischem Gebiet, kontrollieren große Teile Südlibanons durch Drohnen, Luftschläge und Artilleriefeuer.

  • Getötet: Ali Yusuf Harshi, persönlicher Assistent und Neffe von Naim Kassem
  • Opfer: über 200 Tote an einem Tag nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums
  • IDF-Ziele: Übergänge, Lager, Raketenstartanlagen und Kommandozentralen im Süden
  • EU-Reaktion: Verurteilung, Forderung zur Ausweitung des Waffenstillstands — ohne Sanktionsmechanismus

Wenn die libanesische Armee bis Jahresende keine konkrete Finanzierung und kein Mandat zur Stationierung im Süden erhält, werden die Aufrufe der EU zur Entwaffnung der „Hisbollah" eine bloße Erklärung bleiben — und Netanjahu weiß das.

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