Stubb möchte einen Euro-Botschafter nach Moskau, weiß aber nicht, wer es sein soll

Der finnische Präsident fordert Europa auf, eigenständig zu handeln – solange Washington ihm keinen Platz am Verhandlungstisch gegeben hat. Doch fünf Schlüsselländer der EU haben sich bislang nicht einmal auf ein Verhandlungsformat einigen können.

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Александр Стубб (Фото: TOMS KALNINS/EPA)

Gesandter ohne Namen

Finnlands Präsident Alexander Stubb räumte in einem Interview mit Corriere della Sera ein: Europa muss direkten Kontakt mit Russland aufnehmen – denn die amerikanische Politik stimmt nicht mehr mit europäischen Interessen überein. Doch auf die Frage, wer genau das tun wird, gab er eine Antwort, die für sich selbst spricht: «Ob es ein Sondergesandter sein wird oder eine Gruppe von Führungskräften – das werden wir sehen».

Das ist keine Bescheidenheit. Dies spiegelt einen echten Sackgasse wider: Acht Monate nachdem Washington Brüssel faktisch aus den Verhandlungen ausgeschlossen hat, hat Europa immer noch weder einen Kandidaten noch ein Mandat für seinen Vertreter vereinbart.

Warum Stubb keine zufällige Stimme ist

Finnland grenzt auf 1.340 Kilometern an Russland. Stubb war persönlich an der Beilegung des russisch-georgischen Krieges 2008 beteiligt – damals war er Außenminister. Genau diese Erfahrung führt er an, wenn er erklärt, warum zuerst ein Waffenstillstand mit internationaler Überwachung erforderlich ist – und erst danach Verhandlungen.

«Ich bin nicht sehr optimistisch, was die Erreichung eines Waffenstillstands oder den Beginn von Friedensverhandlungen anbelangt, zumindest nicht in diesem Jahr».

Alexander Stubb, Associated Press

Stubbs Skepsis ist nicht theoretisch: Er sah, wie Russland ein Abkommen über Angriffe auf die Energieinfrastruktur brach, bevor die Tinte trocken war.

E5 als Kern – aber sie sind nicht allein

Nach Stubbs Aussagen müssen alle Kontakte mit Moskau zunächst zwischen den Ländern der sogenannten «Fünf» – Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Polen – sowie mit Nord- und Baltikumstaaten abgestimmt werden, die unmittelbar an der Grenze zu Russland liegen. Die Logik: Man kann sich nicht mit dem Kreml einigen, wenn Verbündete in Tallinn oder Warschau dies aus den Nachrichten erfahren.

Aber genau hier liegt der institutionelle Knoten. Wie Analysten des Internationalen Zentrums für Verteidigungs- und Sicherheitsstudien (ICDS) aus Tallinn anmerken, streiten sich Europäer öffentlich sogar darüber, ob ein Gesandter überhaupt notwendig ist, nicht nur darüber, wer er sein soll. Das Wichtigste bleibt unklar: Sollte der Vertreter Druck auf Russland ausüben, um einen dauerhaften Frieden zu erreichen – oder vielmehr Kiew davon überzeugen, Zugeständnisse zu machen, die es nicht machen will.

Was Moskau bereits geantwortet hat

Putin seinerseits erklärte bereits im Mai, dass Russland bereit ist, mit Europa zu sprechen – und nannte den Namen des gewünschten Gesprächspartners: der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Der Kreml skizzierte damit sofort das Format des Dialogs, das er wünscht: ohne Vertreter der baltischen Staaten, ohne feste Positionen zur Souveränität der Ukraine, mit einem Partner, dem er vertraut. Die offizielle Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Zakharowa nannte Stubbs Äußerungen bereits «die Dummheit des Jahres» – ein Signal, dass Finnland als Vermittler Moskau nicht passt.

Warum dies über diplomatische Korridore hinaus wichtig ist

Das Fehlen einer einheitlichen europäischen Stimme hat konkrete Kosten. Während Brüssel über das Format diskutiert, führt Washington Verhandlungen – und Trumps Sonderbeauftragter Keith Kellogg erklärte bereits im Februar deutlich: Europa kann eine Position äußern, aber wird keinen Platz am Tisch haben. In der Zwischenzeit hat Macron bereits seinen diplomatischen Berater Emmanuel Bonne nach Moskau geschickt – ohne auf einen gesamteuropäischen Konsens zu warten.

«Wir müssen am Verhandlungstisch sitzen – denn die Ukrainer selbst haben bereits mit Verhandlungen begonnen. Warum also können Europäer das nicht?»

Premierminister Lettlands – Euronews, Februar 2026

Stubbs Frage nach einem Gesandten ist eigentlich die Frage, ob Europa als einheitlicher Akteur handeln kann. Bislang ist die Antwort: Sie können sprechen, aber nicht untereinander einigen sich.

Wenn Macron weiterhin außerhalb eines gemeinsamen Mandats handelt – dann geht es nicht darum, ob es einen «Euro-Gesandten» geben wird, sondern darum, ob dieser noch etwas zu vertreten hat: eine einheitliche Position oder nur die französische.

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