Tusk: Russland könnte die NATO bereits in wenigen Monaten angreifen — und Europa ist dafür nicht bereit

Der polnische Premierminister nannte konkrete Fristen für mögliche Aggression und forderte die EU auf, damit aufzuhören, vorzugeben, dass sie ein echter militärischer Bund ist.

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Дональд Туск (Фото: Hiro Komae/EPA)

Donald Tusk hat eine der schärfsten Aussagen unter den EU-Führungspersonen seit dem Beginn der vollständigen Invasion abgegeben: Nach seinen Worten ist Russland in der Lage, ein NATO-Mitgliedsland innerhalb der nächsten Monate anzugreifen. Nicht Jahre. Monate.

Die Aussage kam vor dem Hintergrund langer Diskussionen in Brüssel über die „strategische Autonomie" Europas – ein Konzept, das seit mehr als einem Jahrzehnt in Dokumenten und Reden existiert, aber nie die Form echter Verpflichtungen und gemeinsamen Kommandos angenommen hat.

Was genau sagte Tusk

Der polnische Premierminister forderte die Europäische Union auf, ein „echter Bündnis" beim Schutz des Kontinents zu werden. Die Formulierung ist aussagekräftig: Er sagte nicht „Zusammenarbeit verstärken" oder „Finanzierung erhöhen" – er stellte die Natur der EU selbst als Sicherheitsakteur in Frage. Tusk räumte offen ein, dass ein solches Bündnis derzeit nicht existiert.

Polen – das Land mit der längsten Grenze zu Russland und Belarus unter den EU-Staaten – gibt etwa 4% des BIP für Verteidigung aus. Das ist mehr als jedes andere NATO-Mitglied. Tusk spricht nicht aus der Position eines Theoretikers, sondern eines Landes, das bereits seine Eisenbahninfrastruktur für Militärtransporte umgebaut und Befestigungen an der Grenze errichtet.

Wo der Konflikt liegt

Das Problem ist nicht, dass Tusk die Bedrohung übertreibt. Das Problem ist, dass es selbst wenn seine Bewertung korrekt ist, keinen Mechanismus für eine gemeinsame EU-Reaktion darauf gibt. Die NATO hat Artikel 5 und abgestimmte Verfahren. Die EU hat Artikel 42.7 des Vertrags von Lissabon über gegenseitige Unterstützung – aber ohne einheitliches Kommando, ohne gemeinsame schnelle Einsatzkräfte mit echten Befugnissen und ohne Konsens darüber, wer über deren Einsatz entscheidet.

Tusk räumt faktisch öffentlich diese Kluft zwischen Erklärung und Leistungsfähigkeit ein – und tut dies in einem Moment, in dem die Trump-Regierung Unberechenbarkeit in Bezug auf US-NATO-Verpflichtungen demonstriert.

Was dies für die Ukraine bedeutet

Für Kiew hat die Aussage Tusks eine doppelte Bedeutung. Einerseits erhöht sie den Druck auf europäische Partner, militärische Unterstützung zu beschleunigen – denn wenn die Bedrohung für die NATO in Monaten gemessen wird, wird die Ukraine als Puffer noch kritischer. Andererseits offenbart sie das, was Kiew lange weiß: Europa hat immer noch keine institutionelle Architektur für schnelle Entscheidungen in einer Krise.

Wenn Tusk mit seinen Zeitrahmen richtig liegt – wird die EU es schaffen, einen echten Sicherheitsmechanismus zu errichten, bevor er benötigt wird?

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