Am 24. April kehrte die Ukraine 193 Militärangehörige aus russischer Gefangenschaft zurück. Unter ihnen befanden sich Verteidiger, gegen die Russland bereits Strafverfahren eingeleitet hatte – in der Regel wegen Anklagen wie „Terrorismus" oder „Teilnahme an illegalen bewaffneten Formationen". Ein Teil von ihnen war in Tschetschenien inhaftiert.
Fotos vom Ort des Austauschs zeigten erschöpfte Menschen, die von Sanitätern und Vertretern des Koordinierungsstabs für die Behandlung von Kriegsgefangenen empfangen wurden. Der detaillierte Gesundheitszustand der Kämpfer wurde offiziell nicht bekannt gegeben – eine Standardpraxis in den ersten Stunden nach der Rückkehr.
Die Inhaftierung in Tschetschenien ist eine separate Variable in dieser Geschichte. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren, dass die Bedingungen in tschetschenischen Gefängnissen sich von den russischen Untersuchungsgefängnissen und Lagern unterscheiden: geringere externe Kontrolle, höheres Risiko von Folter und geringere Wahrscheinlichkeit von Besuchen durch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das ohnehin nur eingeschränkten Zugang zu ukrainischen Kriegsgefangenen auf dem gesamten von Russland kontrollierten Gebiet hat.
Strafverfahren als Druckmittel sind keine neue Praktik. Russland leitet sie systematisch ein: Dies ermöglicht es, eine Person länger festzuhalten, auch nach einem möglichen Austausch, für einen höheren „Preis" zu verhandeln oder den Verhandlungsprozess einfach zu verkomplizieren. Die Genfer Konvention verbietet die Verfolgung von Kombattanten für ihre rechtmäßige Teilnahme an Kampfhandlungen, aber Russland ignoriert diese Bestimmungen, und es gibt faktisch keinen internationalen Durchsetzungsmechanismus.
Insgesamt hat es die Ukraine seit Beginn der vollständigen Invasion geschafft, über 3.800 Militärangehörige und Zivilpersonen zurückzubringen. Die Zahl derjenigen, die sich noch in Gefangenschaft befinden, wurde offiziell nicht bestätigt – die Schätzungen reichen je nach Quelle und Berechnungsmethodik von mehreren Tausend bis zu Zehntausenden von Personen.
Die Frage, die nach jedem solchen Austausch unbeantwortet bleibt: Verfügen die Ukraine und ihre Partner über einen konkreten rechtlichen Mechanismus zur Bekämpfung der russischen Praxis der strafrechtlichen Verfolgung von Gefangenen – und falls nicht, wann wird deren Einführung zur Bedingung für die nächste Verhandlungsrunde?