Vier Jahre nach der Invasion, während ukrainische Städte weiterhin unter Beschuss bleiben, ist World Aquatics der erste große internationale Verband, der die Beschränkungen für erwachsene Athleten Russlands und Weißrusslands vollständig aufgehoben hat — einschließlich des Rechts, unter der Nationalflagge, Hymne und in der Kleidung der Nationalmannschaft anzutreten.
Die Entscheidung des Verbandsbüros ist vom 13. April datiert. Sie betrifft Schwimmen, Wasserspringen, Wasserball und weitere Disziplinen unter der Schirmherrschaft der Organisation. Russland und Weißrussland erhielten auch ihre vollen Mitgliedschaftsrechte in der Organisation zurück.
„Wir sind entschlossen sicherzustellen, dass Schwimmbäder und offene Gewässer Orte bleiben, an denen Athleten aus allen Ländern zusammenkommen können, um friedlich zu konkurrieren"
— World Aquatics Präsident Husain Al-Musallam
Nach Aussage des Präsidenten des Russischen Verbandes der Wassersportarten Dmitri Mazepin war die Rückkehr unter die Flagge das Ergebnis intensiver Lobbyarbeit — er traf sich persönlich mit Al-Musallam, um die Reintegration vor den Spielen in Los Angeles 2028 zu vereinbaren.
Was hinter den „Background Checks" steckt
Formal hat der Verband eine Bedingung festgelegt: Jeder Athlet muss vier Anti-Doping-Tests und sogenannte „Background Checks" — Überprüfungen vor dem ersten Start — absolvieren. Wie die AP jedoch anmerkt, hat der Verband nie präzisiert, was genau in diesen „Überprüfungen" überprüft wird. Nach Angaben von World Aquatics haben Athleten seit 2023 bereits über 700 solcher Screenings absolviert — aber die Auswahlkriterien wurden öffentlich nie offengelegt.
Die Entscheidung wurde getroffen, ohne dass sie an einen Waffenstillstand, Friedensverhandlungen oder andere kriegsbezogene Bedingungen geknüpft wurde.
Wo World Aquatics mit dem IOC auseinanderging
Dies ist ein grundsätzlich wichtiger Punkt. Das IOC empfahl im Dezember 2025, Beschränkungen für Junioren-Wettkämpfe aufzuheben — behielt aber den neutralen Status für Erwachsene bei. Bei den Winterspielen 2026 traten Russen und Weißrussen offiziell als „Individual Neutral Athletes" an. World Aquatics ist dieser Empfehlung faktisch zuwider gelaufen — und hat damit unter den vom IOC anerkannten Verbänden einen Präzedenzfall geschaffen.
Einige Organisationen — insbesondere im Volleyball und Fechten — bewahren auf der Erwachsenenebene weiterhin Beschränkungen auf. Dies bedeutet, dass die Entscheidung von World Aquatics nicht automatisch eine allgemeine Überprüfung der Sportssanktionen mit sich zieht, könnte aber laut AP „Impulse für eine vollständige Rückkehr russischer Athleten vor den Spielen 2028 geben".
Reaktion der Ukraine
Das Ministerium für Jugend und Sport der Ukraine nannte die Entscheidung eine „Legitimierung der Aggression". Der Schwimmverband der Ukraine reagierte ebenfalls kritisch — früher lehnte die Wasserballnationalmannschaft offiziell ab, sogar unter einer „neutralen" Flagge gegen Russen zu spielen. Jetzt stellt sich die Frage schärfer: Werden ukrainische Athleten an Wettkämpfen teilnehmen, bei denen Russen nicht als „Neutral", sondern als vollwertige Nationalmannschaft antreten?
Die Entscheidung betrifft nur Veranstaltungen unter World Aquatics — aber es wurde ein Präzedenzfall geschaffen. Wenn bis Ende 2026 zwei bis drei weitere große Verbände denselben Weg gehen, wird das IOC unter Druck geraten, den neutralen Status auch für Los Angeles zu überprüfen. Alles hängt davon ab, ob sich auch nur eine Organisation findet, die öffentlich erklärt, was genau in den „Background Checks" überprüft wird — und ob die Zulassung an eine Bedingung geknüpft wird, die mit dem Krieg zusammenhängt.