Was passiert ist
Am 17. Februar hat das Berufungsgericht Kiew die Kaution für den ehemaligen Richter Oleksij Tandyr von etwa 120 Mio. Hrywnja auf 20 Mio. Hrywnja reduziert. Das berichtete eine Korrespondentin von «Babel» aus dem Gerichtssaal. Wenn der Betrag hinterlegt wird, kann Tandyr die Untersuchungshaft verlassen; er sitzt seit 2023 in Untersuchungshaft in dem Fall eines tödlichen Verkehrsunfalls an einem Kontrollposten.
"Der EGMR stellte fest, dass die fast dreijährige Inhaftierung des ehemaligen Beamten gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt."
— Anwälte der Verteidigung, aus dem Gerichtssaal
Die Verteidigung betonte zudem, dass der EGMR keine Beweise für Fluchtgefahr oder Zeugenbeeinflussung im Falle einer Freilassung sehe. Der Staatsanwalt hingegen argumentierte für die Fortdauer der Untersuchungshaft mit Verweisen auf Risiken: mögliche Flucht, Druck auf Zeugen und Manipulation von Beweismitteln.
"Der Staatsanwalt wies auf bestehende Risiken von Flucht, Zeugenbeeinflussung und Beweismanipulation hin."
— Position der Anklage, aus dem Gerichtssaal
Hintergrund
Am 26. Mai 2023 hatte Tandyr, damals Vorsitzender des Bezirksgerichts Makariv, an einem Kontrollposten in Kiew den 23‑jährigen Soldaten der Nationalgarde Vadym Bondarenko tödlich erfasst. Im Rahmen des Verfahrens wurden biologische Proben entnommen: Das Staatliche Büro für Ermittlungen (DBR) berichtete von Tandyrs Alkoholisierung und von Versuchen, Proben zu verfälschen. Im August 2024 entließ der Hohe Rat der Justiz ihn aus dem Richteramt.
Am 28. Januar hatte das Gericht bereits eine alternative Kaution in Höhe von rund 119 Mio. Hrywnja festgesetzt; der Beschuldigte selbst erklärte, er verfüge nicht über solche Mittel.
Warum das wichtig ist
Diese Entscheidung verbindet zwei große Themen, die jeden Bürger betreffen: die Amtsverantwortung und die Gewährleistung von Menschenrechten im Rechtsverfahren. Juristen und Menschenrechtsverteidiger weisen darauf hin, dass Entscheidungen des EGMR nationale Gerichte oft dazu zwingen, ein Gleichgewicht zwischen verfahrensrechtlichen Garantien und dem öffentlichen Forderung nach Gerechtigkeit zu finden.
Für die Familie des Getöteten und das öffentliche Vertrauen ist es wichtig, dass das Verfahren nicht zu Verzögerungstaktiken verkommt und dass das System sowohl die strafrechtliche Untersuchung als auch eine wirksame Kontrolle der Vollstreckung von Gerichtsentscheidungen sicherstellen kann — ungeachtet des Status des Beschuldigten.
Wie es weitergeht
Nun ist die entscheidende Frage, ob die Parteien zusätzliche Sicherungsmaßnahmen (Überwachung, Kautionszahlung, Verbot, den Wohnort zu verlassen) vereinbaren können und ob die Staatsanwaltschaft Berufung einlegt oder um andere Beschränkungen ersucht. Das ist ein Test für das System: Hat es die Ressourcen, die Rechte der Opfer zu schützen und zugleich die Anforderungen des EGMR zu erfüllen?
Bislang klärt die Entscheidung des Berufungsgerichts die juristische Komponente, beseitigt jedoch nicht das politische und moralische Dilemma: Wie wird der Staat garantieren, dass einflussreiche Amtsträger sich nicht außerhalb der Verantwortung wähnen?