23. Juli sprach Präsident Selenskyj während einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem irischen Premierminister Micheál Martin über sein Szenario für die unmittelbare diplomatische Zukunft. Ein Telefongespräch mit Jared Kushner und Steve Witkoff am Vortag hatte ihm einige amerikanische Ideen gegeben – ohne Details, „um den Prozess nicht zu verderben".
Die Logik in zwei Schritten
Das von Selenskyj beschriebene Schema ist linear: Amerikaner übermitteln zunächst Vorschläge an die Russen, dann findet ein trilaterales Treffen statt. Die Frist ist der Herbst.
«Wenn es von uns abhängen würde, würde es bereits im Juli stattfinden. Aber nicht alles hängt von uns ab».
Wolodymyr Selenskyj, Pressekonferenz in Kiew, 23. Juli
Ein Schlüsselpunkt, der in den meisten Berichten im Schatten bleibt: Es wurde öffentlich kein festgelegter Kontroll- oder Überprüfungsmechanismus für diesen Prozess genannt. Es gibt Vorschläge, es gibt Fristen, aber es gibt keine Verpflichtungen mit konkreten Konsequenzen für deren Nichterfüllung.
Was parallel geschah
Während Selenskyj in Kiew sprach, trafen sich in Manila am Rande des ASEAN-Forums der US-Außenminister Marco Rubio und der russische Außenminister Sergej Lawrow. Nach Rubios Aussage diskutierten die Seiten die „Notwendigkeit, den Krieg zu beenden" – er gab aber keine Details an. Das russische Außenministerium berichtete seinerseits von einem „Gedankenaustausch", ohne ein Ergebnis zu erwähnen.
Moskaus Position bleibt dabei unverändert: Wie ZN.ua unter Bezugnahme auf Lawrows Aussagen schreibt, erklärt Russland seine Bereitschaft zu Verhandlungen nur unter der Bedingung der faktischen Aufgabe des Donbass – also der Anerkennung durch Kiew der besetzten, aber noch nicht eroberten Gebiete der Region Donezk. Am 22. Juli berichtete Bloomberg unter Berufung auf dem Kreml nahestehende Quellen, dass Putin keine territorialen Zugeständnisse plant und auf die Eroberung des Donbass bis Ende des Jahres rechnet.
Rubio gab zu, dass die Verhandlungen „in den letzten Monaten keinen signifikanten Fortschritt gemacht haben", und vermutete, dass neue Ideen erforderlich sein würden, da Kiew frühere Vorschläge abgelehnt hatte.
Wo liegt die Spannung
Selenskyj spricht von einem trilateralen Treffen als einem Prozess, in dem die Ukraine ein aktiver Teilnehmer ist. Aber die tatsächliche Abfolge sieht anders aus: Erst USA und Russland, und dann erst Kiew. Das heißt, die Ukraine betritt den Raum, nachdem die Amerikaner bereits mit Moskau unter vier Augen gesprochen haben.
- Format: nicht öffentlich festgelegt – weder der Delegationsebene noch die Agenda
- Durchsetzungsmechanismus: im öffentlichen Bereich nicht vorhanden
- Russlands Position: „Bereitschaft" ohne territoriale Zugeständnisse
- Position der USA: Suche nach „neuen Ideen", Anerkennung der Sackgasse bisheriger Vorschläge
Rubio ignorierte vor seinem Treffen mit Lawrow öffentlich Journalistenfragen, wann Russland den Krieg beenden würde. Dies ist keine Protokollpause – dies ist das Fehlen einer Antwort auf die zentrale Frage des Verhandlungsprozesses.
«Wir bleiben offen und bereit, eine konstruktive Rolle beim Beenden dieses Krieges zu spielen, wenn sich eine solche Gelegenheit ergibt».
Marco Rubio, vor dem Treffen mit Lawrow in Manila
Das Treffen in Manila endete ohne angekündigte Ergebnisse. Man einigte sich darauf, „Kontakte fortzusetzen".
Wenn die Amerikaner nach Gesprächen mit Moskau nach Kiew zurückkehren mit einem Vorschlag, der sich erneut auf den Donbass bezieht – wird Selenskyj dann noch einen Handlungsspielraum im Land haben, oder wird eine Ablehnung das „Fenster bis zum Herbst" erneut schließen?