Wladimir Selenskyj erklärte, dass die Ukraine bereit ist, Friedensverhandlungen mit Russland auf dem Territorium Aserbaidschans zu führen — unter der Bedingung, dass Moskau wirklich zur Diplomatie bereit ist und diese nicht nur vortäuscht. Der Präsident äußerte sich dazu in einer öffentlichen Rede, ohne konkrete Daten oder Formate näher zu spezifizieren.
Die Wahl Bakus als potenzieller Verhandlungsort ist nicht spontan. Aserbaidschans unterhält funktionsfähige Beziehungen sowohl zu Kiew als auch zu Moskau, hat sich den Sanktionen nicht angeschlossen, hat aber auch die „Referenden" auf besetzten Gebieten nicht anerkannt. Dies macht es zu einem der wenigen neutralen Orte, an denen beide Seiten technisch gesehen ohne Reputationsverluste zu Beginn an den Verhandlungstisch treten können.
Gleichzeitig enthält die Erklärung selbst eine grundsätzliche Asymmetrie: Kiew formuliert Bereitschaft, verlagert aber die Verantwortung für den Beginn des Prozesses auf Moskau. Dies ist eine diplomatische Position, die es ermöglicht, internationale Unterstützung zu bewahren — „wir sind offen" — ohne sich tatsächlich zu verpflichten, unter russischen Bedingungen an den Verhandlungstisch zu treten.
Russland hat sich öffentlich nicht zu dieser Erklärung geäußert. Der Kreml erhebt traditionell Vorbedingungen — Anerkennung der besetzten Gebiete, Verzicht auf den Kurs zur NATO — die Kiew als Kapitulation und nicht als Verhandlungen ablehnt.
Der Kontext ist wichtig: Selenskyjs Erklärung fiel zusammen mit einer neuen Runde von Druck durch einen Teil der westlichen Partner bezüglich eines „diplomatischen Fensters". Die Demonstration von Offenheit gegenüber Verhandlungen — auch wenn nur bedingt — ist eine Antwort auf diesen Druck ohne sachliche Zugeständnisse.
Die Hauptfrage ist jetzt nicht die Geografie des Treffens, sondern der Inhalt: Gibt es bei einer der Seiten ein Mandat für Verhandlungen, die nicht darauf hinauslaufen, die aktuelle Frontlinie als neue Grenze festzuschreiben — und wenn ja, wer wird dies öffentlich zuerst bestätigen?