Selenskyj in Istanbul, Putin ohne Antwort: Welche Logik hinter dem Gipfelvorschlag in der Türkei steckt

Kiew forderte Ankara öffentlich auf, ein Treffen der Führungspersonen im Format Selenskyj–Putin–Erdogan–Trump zu organisieren. Doch der Kreml schweigt bis jetzt – und dieses Schweigen ist Teil einer Strategie.

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Андрій Сибіга та Хакан Фідан на зустрічі в Анталії 17 квітня 2026 року (Фото: МЗС)

Das Forum in Antalya als diplomatischer Schauplatz

Am 17. April auf dem 5. Antalya-Diplomatieforum – einer Veranstaltung, die etwa 20 Staatschefs und über 70 Minister versammelte – bestätigte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha öffentlich: Kiew hat die Türkei gebeten, einen Ort für ein Treffen zwischen Selenskyj und Putin zu werden. Das Format ist vierseitig: zwei Präsidenten als Garanten, Erdoğan und Trump, als Zeugen und Moderatoren.

«Wir sind bereit zu einem Treffen der Anführer in der Türkei im Format Selenskyj – Putin unter Beteiligung von Erdoğan und Trump. Wir haben dieses Signal unseren türkischen Partnern kürzlich übermittelt. Die Türkei spielt eine wichtige Rolle in den Friedensbemühungen».

Andrij Sybiha, Außenministerium der Ukraine, Antalya-Diplomatieforum

Laut Sybiha übermittelte Selenskyj selbst das erste Signal an die türkische Seite während seines Besuchs in Istanbul am 4. April. Der Auftritt in Antalya ist bereits eine öffentliche Bestätigung derselben Position.

Warum die Türkei – und warum jetzt

Ankara ist in dieser Gleichung nicht zufällig. Der Leiter des türkischen Außenministeriums Hakan Fidan kündigte selbst die Bereitschaft an, eine neue Verhandlungsrunde zwischen Kiew und Moskau sowie einen möglichen Gipfel der Anführer in Istanbul aufzunehmen. Nach Fidans Aussage unterstützt die Türkei «konstruktive Beziehungen zu beiden Seiten» – und das ist nicht nur Rhetorik: drei vorherige Verhandlungsrunden der Delegationen, der Getreidekorridor, Gefangenenaustausche – all das fand unter türkischer Vermittlung statt.

Bezeichnend ist auch, dass Fidan betonte: «Es gibt keinen anderen Namen außer Erdoğan, dem alle drei Anführer – Putin, Trump und Selenskyj – gleichzeitig vertrauen». Das ist nicht Bescheidenheit – das ist ein Argument bei Verhandlungen über das Recht, Gastgeber des Gipfels zu sein.

Der Zeitdruck ist ebenfalls real. Nach Angaben von Sybiha registriert der ukrainische Geheimdienst Russlands Vorbereitung auf eine neue Serie massiver kombinierter Anschläge – bis zu siebenmal im Monat. Das Verhandlungsangebot kommt vor dem Hintergrund aktiver Kampfhandlungen und nicht nach einer Kampfpause.

Die Szene auf dem Forum: wer fragt wen

Ein Vorfall gleich auf dem Gelände des Forums war aufschlussreich. Journalisten des russischen Staatsfernsehsenders «Russland 1» umringten die ukrainische Delegation und schrien Fragen nach einem möglichen Treffen mit Putin. Die Antwort von Sybiha wurde zur Schlagzeile des Tages:

«Selenskyj ist bereit, sich mit Putin zu treffen. Die Frage ist – warum versteckt er sich?»

Andrij Sybiha – als Antwort auf die Propagandisten von «Russland 1»

Diese Episode ist nicht nur ein Witz. Sie veranschaulicht eine Asymmetrie: Kiew dokumentiert öffentlich seine Bereitschaft, Moskau weicht einer direkten Antwort aus.

Position des Kremls: Moskau schweigt entweder oder stellt Bedingungen

Der Kremlin zeigt seinerseits kein Interesse an einem Treffen auf neutralem Territorium. Der Sprecher Dmitrij Peskow bestand früher darauf, dass alle Verhandlungen nur in Moskau möglich sind. Nach Analyse der Wall Street Journal widersprechen direkte Verhandlungen mit Selenskyj der Erzählung, die Putin sorgfältig für sein Heimatpublikum aufgebaut hat: Ein Treffen mit dem Präsidenten eines Landes, das der Kremlin offiziell nicht als legitimen Akteur anerkennt, zerstört diese Konstruktion.

Gleichzeitig «schließt» Peskow ein solches Treffen nicht aus – aber nur, nachdem «auf Expertenebene der notwendige Teil der Arbeit geleistet wird». Dies ist eine Standard-Verzögerungsformel ohne Absage.

Wem und was bringt das

  • Kiew demonstriert Trump, dass die Ukraine eine konstruktive Seite ist: bereit zum direkten Dialog, dokumentiert Putins Ablehnung öffentlich.
  • Ankara gibt sich selbst die Rolle des unverzichtbaren Vermittlers zurück – und damit auch das geopolitische Gewicht.
  • Washington erhält ein bequemes Format: Trumps Beteiligung in der Vierergruppe behebt die Frage «warum sind die USA nicht involviert».
  • Moskau verliert vorerst im Informationsraum: Die Weigerung, sich zu treffen, wird als Schwäche oder Angst gelesen.

Selenskyj kündigte bereits am 9. April an, dass er bereit ist, sich mit Putin zu treffen – «aber nicht in Moskau und nicht in Kiew». Die Türkei erfüllt diese Bedingung. Sybiha bestätigte in Antalya: Das Signal wurde übermittelt, der Ort wurde vorgeschlagen, das Format wurde mit vier Seiten abgestimmt.

Wenn Putin weiterhin eine Antwort vermeidet – dann die Frage an Trump: Wird er den Druck auf den Kremlin so erhöhen, dass Schweigen für Moskau teurer wird als Zustimmung.

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