Eine „Shahed" mit einer Geschwindigkeit von 200 km/h auf einem körnigen analogen Bildschirm abfangen – das ist eine Aufgabe, die ukrainischen Drohnenoperatoren jede Nacht bevorsteht. Das niederländische Startup Fiducial Defense aus Delft löste genau dieses Problem, als es im Juni 2024 sein Profil abrupt von industrieller 3D-Positionierung zu Verteidigungssoftware wechselte.
Was getestet wurde und wo
Im Rahmen des Programms Test in Ukraine, das von Brave1 umgesetzt wird, testete das Unternehmen ein automatisches Zielerfassungssystem, das in die ukrainische Abfangdrohne „Wolkulaka" integriert ist. Laut Brave1 demonstrierte das System während der Tests eine stabile Erfassung, Verfolgung und autonome Abfangung von Luftzielen.
This is not a UFO. An automatic target guidance system by Fiducial Defense has just locked onto an aerial target.
Brave1, Twitter/X, 12. Mai 2025
CEO Andreas Verbruggen war zu diesem Zeitpunkt fünfmal in der Ukraine – er arbeitete direkt mit Einheiten und Drohnenhersellern zusammen. Seinen Angaben zufolge sind qualifizierte Operatoren zu einem der „größten Engpässe" im Krieg geworden.
Überraschende Wahl: ohne KI
Die Schlüsseldifferenz zu den meisten Konkurrenten – das System nutzt keine Modelle künstlicher Intelligenz. Wie Verbruggen erklärt, ist dies eine bewusste ingenieurtechnische Position:
- Wenn die gegnerische Drohne ihre Form oder Geschwindigkeit ändert – es ist kein Umlernen nötig.
- Das System funktioniert tag- und nachts „sofort einsatzfähig".
- Es läuft auf günstiger Hardware – Jetson, Orange Pi und ähnliches – was unter Bedingungen instabiler Lieferketten kritisch ist.
Stattdessen wird Computer Vision und ein proprietärer Algorithmus zur Endphasenlenkung verwendet: Das Ziel wird erfasst, verfolgt, und die Plattform navigiert autonom zum Abfangpunkt. In mehreren öffentlich gezeigten Testläufen erreichte das autonome System den Abfangpunkt schneller, als ein menschlicher Pilot reagieren konnte.
Der Mensch bleibt vorerst in der Schleife
Trotz technischer Bereitschaft für vollständige Autonomie ist der Operator im System präsent – vorerst als bewusste Entscheidung des Unternehmens und nicht als technische Einschränkung. Parallel entwickelt Fiducial Navigation unter GPS-Störung: Die Drohne orientiert sich ausschließlich über eine Seitenkamera ohne Satellitensignal.
Das Programm Test in Ukraine hat seit seinem Start bereits Anträge von 45 ausländischen Unternehmen erhalten – Fiducial war eines der ersten, das einen vollständigen Feldtest-Zyklus durchlief und die Integration in eine Serienplattform erhielt.
Die eigentliche Frage ist jetzt nicht technischer Natur: Wenn das System bereits schneller abfängt als Menschen und kein Umlernen benötigt – wie lange wird der Operator in der Praxis noch in der Schleife bleiben, anstatt nur in den Dokumenten des Unternehmens?