Der Staat hat gelernt zuzuhören: Dija.AI erfüllt Aufgaben statt Menüs anzuzeigen

Das Ministerium für digitale Transformation hat einen KI-Agenten namens Diya.AI gestartet, der automatisch Dokumente erstellt und Dienstleistungen auf Grundlage von Textanfragen findet. Die Ukraine weist auf einen weltweit beispiellosen Präzedenzfall hin, wonach ein Staat Dienstleistungen direkt im Chat anbietet — allerdings befindet sich der Service derzeit noch in der offenen Betaphase.

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Інтерфейс Дія.AI в застосунку "Дія" (Фото: Мінцифра)

Die meisten Staatsanwendungen weltweit funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Du weißt, was Du erhalten möchtest – Du findest den entsprechenden Bereich, klickst auf Schaltflächen. Diya.AI versucht, diese Logik zu verändern: statt Navigation – Dialog. Du schreibst „beschädigter Wohnraum" – der Assistent schlägt Dir eVidnovlennya vor. Du schreibst „ich möchte ein Einzelunternehmen gründen" – Du erhältst sofort eine Schritt-für-Schritt-Anleitung oder direkt die Dienstleistung.

Genau das nennt das Ministerium für Digitalisierung Agentic State – ein Modell, bei dem das System die Situation selbst interpretiert und den entsprechenden Service auswählt, anstatt zu warten, bis der Nutzer die richtige Menüoption findet. Vorerst ist die Liste der konkreten Aktionen begrenzt: Generierung eines Wohnnachweises (für Erwachsene oder Kinder), Einkommensbestätigung, Zahlung von Bußgeldern der Straßenverkehrsbehörde. Die Erweiterung ist für die kommenden Wochen versprochen.

Was ist wirklich neu

KI-Assistenten im Staatssektor existieren bereits – in Estland, Singapur, Großbritannien. Der Unterschied, den das Ministerium für Digitalisierung hervorhebt: Diya.AI berät nicht nur, sondern erbringt die Dienstleistung direkt im Chat, ohne zu einer separaten Seite zu wechseln. Nach Angaben der RBK-Ukraina unter Berufung auf Minister Michail Fedorov wurde die Ukraine das erste Land, das dieses Format im öffentlichen Sektor eingeführt hat.

„Der Assistent benötigt von Dir keine Pass-, Bank- oder anderen persönlichen Daten – er ruft alle Daten aus den Registern ab".

Offizielles Diya-Portal

Das ist ein wichtiges Detail: Das System sammelt keine Daten im Chat, sondern authentifiziert sich über ein bestehendes Konto und greift auf staatliche Register zu. Das Ministerium für Digitalisierung vermerkte separat, dass die KI bereits 52% der Anfragen an den Kundensupport von „Diya" bearbeitet – noch vor dem offiziellen Start der öffentlichen Version.

Grenzen, die die Entwickler selbst gesetzt haben

Diya.AI wurde eindeutig eingeschränkt: Der Assistent antwortet nicht auf Fragen, die nicht mit Staatsdienstleistungen verbunden sind – Wetter, Rezepte, Philosophie liegen außerhalb seiner Zuständigkeit. Genauso kommentiert er keine gesellschaftlich-politischen Themen, insbesondere Fragen zu Krieg oder Politik. Das Ministerium für Digitalisierung erklärt dies mit dem Fokus auf praktische Funktionalität, aber in der Praxis bedeutet das: Jede „heikle" Frage an der Schnittstelle zwischen Staatsdienstleistungen und Politik – zum Beispiel zu Zahlungen für Vertriebene in besetzten Gebieten – kann der Assistent einfach ablehnen.

Zur Datensicherheit: Das Ministerium für Digitalisierung versichert, dass Diya.AI in geschützter Infrastruktur läuft und den Datenschutzstandards des Portals entspricht. Technisch ist das WINWIN AI Center of Excellence beim Ministerium für Digitalisierung für die Modellentwicklung verantwortlich – eine Struktur, die dieses Jahr gegründet wurde. Ein unabhängiges Audit des Algorithmus oder eine Überprüfung durch Dritte wurde öffentlich nicht angekündigt.

Beta – das ist ehrlich

Der Service wurde im Format eines offenen Beta-Tests gestartet: Nutzer können Antworten liken und disken, Kommentare direkt im Chat hinterlassen. Das Modell wird anhand dieser Rückmeldungen weiter trainiert. Das ist eine Standardpraxis für KI-Produkte, aber ungewöhnlich für Staatsdienstleistungen – wo ein Fehler des Assistenten nicht nur Unannehmlichkeiten bedeuten kann, sondern auch versäumte Fristen für die Dokumenteneinreichung oder entgangene Zahlungen.

Die Ambition ist offiziell festgehalten: Bis 2030 strebt die Ukraine danach, unter den Top-3-Ländern der Welt bei der KI-Integration im öffentlichen Sektor zu sein.

Der echte Test für Diya.AI kommt nicht auf die Menge der verarbeiteten Anfragen an, sondern auf die ersten dokumentierten Fehler: Wenn der Assistent im Beta-Modus ein juristisch bedeutsames Dokument falsch ausfüllt – wird es einen Haftungsmechanismus geben, oder nur einen „Dislike"-Button?

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