Im Oktober 2024 schlossen zwei Harvard-Studenten, AnhPhu Nguyen und Caine Ardayfio, gewöhnliche Ray-Ban Meta an das Gesichtserkennungssystem PimEyes an und zeigten: Ein paar Sekunden Blickkontakt mit einem Fremden reichen aus, um seinen Namen, seine Adresse und Telefonnummer zu erhalten. Das Projekt hieß I-XRAY. Meta antwortete damals, dass dies ein Missbrauch von Drittanwendungen sei – nicht ihre Verantwortung.
Jetzt berichtet die Financial Times über einen Prototyp namens Super Sensing – eine Brille von Meta selbst, die alle paar Sekunden Fotos macht und kontinuierlich Audio aufzeichnet. KI verarbeitet den Datenstrom, extrahiert Metadaten und sendet sie an Meta-Server – Rohdaten und Audio sollen der Absicht nach nicht gespeichert werden. Aber es gibt ein Detail, das das ganze Bild verändert.
„Wenn die LED die ganze Zeit blinken würde, könnten Menschen anfangen, sie nicht mehr zu bemerken"
– aus einem internen Policy-Paper von Meta, 2025, zitiert nach Tom's Guide
Mit genau diesem Argument begründet das Unternehmen seine Entscheidung, den Aufnahmeindikat nicht zu aktivieren, während Super Sensing funktioniert. Das heißt, das physische Signal, das bisher der einzige Weg für andere war zu verstehen, dass sie gefilmt werden – wird einfach ausgeschaltet.
Was das außerhalb des Labors bedeutet
Ein wichtiges Detail, das Tom's Guide unterstreicht: Die Funktion kann durch ein Softwareupdate auf bereits verkauften Geräten aktiviert werden. Im Jahr 2025 hat Meta über 7 Millionen Paare Ray-Ban Meta verkauft. Es geht also nicht um ein zukünftiges Gadget – sondern um die Möglichkeit, das Verhalten von Geräten zu ändern, die Menschen bereits im Gesicht tragen.
Im selben Jahr 2025 öffnete Meta sein SDK für Entwickler – Drittanbieter-Anwendungen können jetzt auf die Kamera und das Mikrofon der Brille zugreifen. Das Ökosystem rund um face-mounted Sensoren wird bereits aufgebaut.
- Rechtliche Risikozone: In mehreren US-Bundesstaaten ist die Aufzeichnung eines Gesprächs ohne Zustimmung des Gesprächspartners ein Verstoß gegen Abhörgesetze. Wie MacRumors unter Berufung auf FT berichtet, ist unklar – ob der Brilleneigentümer oder Meta haftbar ist.
- Biometrische Daten: Menschenrechtsaktivisten weisen auf potenzielle Konflikte mit Biometrie-Schutzgesetzen hin – insbesondere BIPA in Illinois und Entsprechungen in der EU.
- Metadaten als Euphemismus: Das Unternehmen behauptet, keinen „rohen" Inhalt zu speichern. Aber Metadaten aus einem kontinuierlichen Foto- und Audiostrom – das ist faktisch eine Rekonstruktion des Tages: wo man war, mit wem man sprach, was man kaufte.
Meta positioniert Super Sensing als ein Werkzeug für persönliches Gedächtnis und Produktivität – „ein KI-Assistent, der alles sah, was du sahst". Das ist eine ehrliche Beschreibung der Funktion. Aber die gleiche Architektur würde ohne jede Code-Änderung jeden Brillenträger in einen mobilen Datenpunkt über seine Umgebung verwandeln – Menschen, die nie zugestimmt haben und nicht einmal von der Aufzeichnung wissen werden.
Wenn Meta Super Sensing tatsächlich ohne obligatorischen visuellen Indikator startet – geht es nicht mehr um die Frage, ob ein neues I-XRAY auftauchen wird. Die Frage ist, ob die Regulierer in den USA und der EU schnell genug eine Regel formulieren können, bevor 7 Millionen Geräte ein Update erhalten.