In der Nacht zum 2. Juli startete Russland 570 Luftangriffsmittel gegen die Ukraine – 74 Raketen und 496 Drohnen verschiedener Typen. Der Hauptschlag traf Kiew: Schäden wurden in allen Stadtteilen registriert, Brände brachen in Wohnvierteln aus. Bilanz des Tages: 20 Tote, mindestens 90 Verletzte. Bürgermeister Klitschko rief den 3. Juli zum Trauertag aus.
Wo die Abwehr zusammenbrach
Die ukrainische Luftverteidigung fing 524 von 570 Zielen ab – vor allem Marineflugkörper und Drohnen. Doch die ballistische Luftfahrt kam fast ungehindert durch. Nach Aussagen eines Vertreters der Luftstreitkräfte, Yuri Ignat, setzte Russland Iskander-M, Luftabwehrraketen S-400 im ballistischen Modus und Hyperschall-„Zirkone" ein – alles, was schnell und in steiler Flugbahn angreift.
„Das ist die klassische Iskander-M, Luftabwehrraketen vom Typ S-400 werden ebenfalls im ballistischen Modus eingesetzt. Der Gegner nutzt sie seit den ersten Kriegstagen auf diese Weise. Und auch die Seezielflugkörper Zirkon – auch sie greifen wie Ballisten an, mit hoher Geschwindigkeit auf Ziele."
Yuri Ignat, Vertreter der Luftstreitkräfte der Ukraine
Das Problem ist systematisch: Gegen Ballisten und Hyperschall wirken effektiv nur Patriot-Komplexe, von denen die Ukraine chronisch zu wenige hat. Marineflugkörper werden sowohl von Flugzeugen als auch von anderen Flugabwehrsystemen abgefangen – aber nicht das, was vertikal mit Überschallgeschwindigkeit angreift.
Häufigkeit und Logik
Nach Einschätzung des Militärexperten Oleg Zhdanov ist Russland in der Lage, das Tempo von zwei bis drei massiven kombinierten Angriffen pro Monat aufrechtzuerhalten – der Angriffszyklus beträgt demnach etwa 10–14 Tage. Dies entspricht dem tatsächlichen Kalender: Großangelegte Beschießungen werden das ganze Jahr 2025 über regelmäßig registriert.
Gleichzeitig stellte die NYT im September 2025 ein neues Muster fest: Die Anschläge sind zunehmend an den diplomatischen Kalender gekoppelt. Nach Angaben der Zeitung startete Russland am Tag nach einem Telefonat zwischen Trump und Putin am 3. Juli 550 Drohnen und Raketen – doppelt so viel wie der Durchschnitt des ersten Halbjahres (118 Geschosse pro Tag).
„Ziel dieser Anschläge ist es, Moskaus Position in den Verhandlungen zu stärken, und bislang hat der Kremlin keine zusätzlichen Sanktionen seitens der USA für die Eskalation seiner Anschläge erhalten."
The New York Times, 9. September 2025
Analysten, darunter Zhdanov, präzisieren: Russland versucht, nicht nur Kiew, sondern auch Washington und Brüssel zu beeinflussen – indem es demonstriert, dass es die Einsätze jederzeit erhöhen kann.
Was das praktisch bedeutet
- Ballistik – strukturelle Verwundbarkeit. Ohne zusätzliche Patriot-Batterien wird die Ukraine diesen Verteidigungssektor unabhängig von der Anzahl abgefangener Shaheds nicht schließen können.
- Kombinierte Taktik bleibt bestehen. Drohnen-„Parodien" und Imitatoren sättigen die Luftverteidigung, räumen Korridore für Raketen frei – das ist bereits Standard, nicht Ausnahme.
- Zivilinfrastruktur ist bewusst Ziel. Von Februar 2022 bis Mitte 2025 starben in Kiew über 228 Menschen, über 3.000 Gebäude wurden beschädigt.
Wenn der Westen die Ukraine bis zur nächsten Verhandlungsrunde nicht mit ausreichend Patriots versorgt, wird Moskau den Schlag höchstwahrscheinlich zum gleichen Zeitpunkt wiederholen – und mit dem gleichen Ziel.